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Daten als Betriebsmittel – Wie Landwirte profitieren können

Daten sind in der digitalen Landwirtschaft nicht nur ein wichtiges Betriebsmittel, sondern sie entwickeln sich auch zum Erntegut der Zukunft. Die Frage ist nur, wer die Ernte einfährt. Folgt man den 2018 erhobenen Forderungen der DLG zur Digitalisierung in der Landwirtschaft (in kursiv), dann haben die landwirtschaftlichen Betriebe gewichtige Argumente, die Nutzung des neuen Produktionsfaktors „Daten“ in ihrem Sinne selbst zu bestimmen, wie nachfolgend beispielhaft gezeigt werden soll.

DLG: „Betriebs- und Geschäftsdaten der Landwirtschaft schützen!“

Verwundbarkeit des Internets gefährdet nicht nur die Datenverfügbarkeit

Die NATO alarmierte vor wenigen Wochen die Öffentlichkeit, dass die interkontinentale Kabelinfrastruktur des Internets bei zwischenstaatlichen Spannungen zunehmend als smartes Angriffsziel ins Blickfeld rückt. Dies zwingt zu einer neuen Sicht auf das Krisenmanagement. Der globale Handel und die cloudbasierte Industrie 4.0 wären von einem längerfristigen Internetausfall besonders betroffen. So gewinnt die lokale Produktion von Lebensmitteln gegenüber der bisherigen Option einer Versorgung aus dem Ausland wieder an Bedeutung.

Gerade im Digitalzeitalter werden resiliente landwirtschaftliche Betriebe benötigt

Entsprechend steigt in der Landwirtschaft der Stellenwert von inhabergeführten Betrieben, die aus technischen, organisatorischen und rechtlichen Gründen im Krisenfall eine improvisierte Weiterproduktion mit qualifiziertem und motiviertem Personal im regionalen Verbund eher leisten können als eine extern gesteuerte Landwirtschaft 4.0.

Datenhoheit und Wertschöpfung landwirtschaftlicher Betriebe respektieren

Die Politik sollte sich darauf einstellen, dass die aus Sicht der Gesellschaft zu fördernde Nachhaltigkeit und Ausfallsicherheit der landwirtschaftlichen Primärproduktion nicht auf digitale Kontrollen, sondern auf effiziente, innerbetrieblich nutzbare Beratungswerkzeuge mit lokaler Datenverfügbarkeit angewiesen ist. Darüber hinaus sollte die Wertschöpfung aus informationsgestützten Produktionsprozessen in den Betrieben verbleiben und von den Landwirten nicht ohne Not durch Datenablieferung an externe Clouddienste aufs Spiel gesetzt werden.

DLG: „Landwirte müssen von ihren Daten Nutzen ziehen können!“

Betriebliches Datenmanagement stellt hohe Anforderungen

In landwirtschaftlichen Betrieben sind viele Beteiligte zu einem dichten Netz des Informationsaustauschs und des Wissensaufbaus zusammenzubringen: Der Landwirt als zentraler Entscheider steht mit seinen Mitarbeitern und beauftragten Lohnunternehmern, mit den eingesetzten Maschinenflotten, mit seinen Handelspartnern und mit öffentlichen und privaten Dienstleistern in intensivem Datenaustausch. Zusätzlich können automatisch erhobene Maschinen- und Sensordaten in erheblichem Umfang anfallen. Deren sofortige Auswertung kann zur Steuerung des Maschineneinsatzes und der Arbeitsprozesse verwendet werden. Da die wichtigsten Arbeiten im freien Feld geschehen, wird der komfortable Datenaustausch mit mobilen Endgeräten und Maschinen zu einem zentralen Anliegen der Landwirte.

Bequeme Datenauslagerung wird oft teuer erkauft

Aufgrund der komplexen Aufgabenstellung wird den Landwirten in der Regel empfohlen, das erforderliche Datenmanagement über eine cloudbasierte Datendrehscheibe abzuwickeln oder sogar komplett auf eines der herstellerspezifischen Datenportale in der Cloud auszulagern. Sollten Betriebe auf diese Weise gläsern werden, dann verschenken sie Know-how und Marktmacht. Diese Entscheidung liegt jedoch beim einzelnen Landwirt. Die Landwirtschaft kann sich ein Beispiel am Zusammenschluss führender Industrieunternehmen nehmen, die sich gegen das Überstülpen entsprechender Businessplattformen bzw. Cloudmonopole wehren. Mit Unterstützung der Bundesregierung wird ein Business-Ökosystem (Industrial Data Space) aufgebaut, das es den Unternehmen entlang einer individuell zugeschnittenen Wertschöpfungskette erlaubt, einen gemeinsamen und auf den jeweiligen Geschäftsprozess temporär zugeschnittenen Datenraum mit fairen und sicheren Konditionen für alle Partner zu eröffnen.

DLG: „Öffentliche und behördliche Daten kostenfrei zur Verfügung stellen!“

Förderung der dezentralen Datenhaltung in den Betrieben

Die Agrarministerkonferenz hat sich im Jahr 2017 dafür ausgesprochen, die dezentrale und standardisierte Datenhaltung in landwirtschaftlichen Betrieben zu fördern. Ziel ist es, die GeoBox-Infrastruktur aus dem iGreen-Projekt für den bundesweiten Einsatz weiterzuentwickeln. Landwirte erhalten dadurch einen betriebsinternen Datenspeicher in eigener Hoheit, der mit öffentlichen Geo- und Fachdaten befüllt werden kann. Über Linked-Data-Schnittstellen, die das KTBL seit dem iGreen-Projekt sukzessive weiterentwickelt, soll der Landwirt zusätzlich die wichtigsten Daten aus Produktions- und Geschäftsprozessen (z.B. aus Tabellenkalkulationen, Hofprogrammen oder der Cloud) ebenfalls in standardisierter Form nutzen können. Impulsgeber für diese dezentrale Datenhaltung und Standardisierung auf Betriebsebene ist die öffentliche Seite, die einerseits Open Data bereitstellen sowie andererseits Beratungs- und Verwaltungsprozesse darauf ausrichten kann. Landwirte sollen auf dem eigenen PC z.B. amtliche Apps mit vorgefertigten Planungswerkzeugen oder Antrags- und Meldeformularen in effizienter und definierter Form möglichst automatisiert mit den jeweils erforderlichen betrieblichen Daten bedienen können.

Datenquellen für die umwelt- und ressourcenschonende Bewirtschaftung

Die Einführung der dezentral ausgerichteten GeoBox-Infrastruktur, die der betrieblichen Datenhoheit und Ausfallsicherheit gleichermaßen dient, dürfte in den Bundesländern schrittweise erfolgen. Beispielhaft bereitet Rheinland-Pfalz derzeit die Einführung eines „GeoBox-Standortpasses“ vor, der u.a. die öffentlichen Big-Data-Ressourcen bündelt. Neben Geobasis- und Geofachdaten sollen schlagbezogen auch aktuelle Fernerkundungsdaten sowie regionale Wetterdaten mensch- und maschinenlesbar aufbereitet und beispielsweise zur flächendeckenden Förderung des Precision Farmings an Betriebe ausgeliefert werden.

DLG: „Landwirtschaft und Verbraucher näher zusammenbringen!“

Für Lohnunternehmer und Maschinenringe, die in Rheinland-Pfalz in die Entwicklung der GeoBox-Infrastruktur eingebunden sind, ist der regionale und herstellerunabhängige Datenaustausch die Grundvoraussetzung für die Umsetzung des überbetrieblichen Smart Farmings, speziell in Gebieten mit kleinteiliger Landwirtschaft. Die für den Daten- und Informationsaustausch erforderliche regionale Vernetzung ist essentiell und muss bei einem Internet- bzw. Telefonausfall durch Alternativen abgesichert werden. Bei der Suche nach entsprechenden Lösungen im ländlichen Raum sollten die Mitbürger einbezogen werden, die vor denselben Problemen stehen. Landwirtschaftliche Betriebe verfügen häufig über Notstrom und könnten zur Sicherung einer rudimentären Datenkommunikation im ländlichen Raum beitragen. Landwirte sollten ihren Stellenwert bei Verbrauchern verbessern, indem sie ihre Aktivitäten zur Sicherung einer nachhaltigen und resilienten Produktion im Digitalzeitalter offen kommunizieren und interessierten Verbrauchern vor Ort im Fall der Fälle Nachbarschaftshilfe anbieten.

DLG: „Digitalisierung setzt Qualifikation voraus.“

Die Digitalisierung in der Landwirtschaft steht vor einer Weichenstellung. Entweder führt der Weg zu zentralen Cloudbetreibern, deren Visionen über eine von Big Data gesteuerte Landwirtschaft 4.0 bis hin zur roboterbewirtschafteten „Agrarfabrik 5.0“ gehen. Auf der anderen Seite stehen dezentral und möglichst ausfallsicher digitalisierte Betriebe („Resilient Farming“), die im Rahmen der Gesetzeslage zur Ernährungssicherstellung standortangepasst wachsen. Dieser Weg, den die meisten Landwirte im Hinterkopf haben, wenn sie über Digitalisierung reden, setzt die Bereitschaft zum betriebsinternen Datenmanagement mit entsprechender Qualifikation voraus. In den meisten Bundesländern werden die Aus- und Weiterbildungspläne diesen neuen Digitalisierungsanforderungen angepasst. Auch modernste Technologien (z.B. Big Data und Künstliche Intelligenz) können zur effizienteren Datennutzung und zum Aufbau von Wissen in den Betrieben herangezogen werden. Solange die cloudbasierten Dienste der Entscheidungsunterstützung bzw. Feinsteuerung dienen und keinen Produktionsausfall verursachen können, ist deren Nutzung hilfreich. Aus Sicht des Landwirts sind allerdings zusätzliche Erklärungskomponenten zu wünschen, die dem rascheren Aufbau von persönlichem Erfahrungswissen dienen, falls er irgendwann, was niemand hofft, wieder auf sich alleine gestellt wäre.

Autor: Dr. Wolfgang Schneider, Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Reinhessen – Nahe – Hunsrück