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Geschäftsmodell Daten – eine Einordnung

Das „Daten-Business“ hat die Landwirtschaft erreicht, Daten sind zu einem zentralen Betriebsmittel geworden. Im Zuge dessen spielen die Daten der Landwirte eine zentrale Rolle im Geschäftsmodell Daten. Doch was verstehen wir eigentlich unter dem Begriff „Geschäftsmodell Daten“? Im Positionspapier der DLG zum Thema Digitalisierung wird formuliert:

„Die Digitalisierung kann eine zusätzliche Wertschöpfung für die landwirtschaftlichen Betriebe bedeuten, bei gleichzeitiger Förderung des ländlichen Raumes. Sie kann zur Verbesserung der  Umweltverträglichkeit, des Tierwohls und der Nachhaltigkeit der Landwirtschaft beitragen.“

Die dazu genutzten Instrumente kann man in verschiedene Oberbegriffe einteilen: Precision Farming, Smart Farming und – beides integrierend –Digital Farming. Aber welche Ziele verfolgen Landwirte in Deutschland mit der Digitalisierung? Nach Ergebnissen der Befragung von DLG Agrifuture Insights aus dem Herbst 2017 wollen

  • 81 Prozent ein effizientere Produktion,
  • 79 Prozent eine Erleichterung der Dokumentation der Produktion,
  • 61 Prozent Entscheidungen unterstützen und
  • 58 erwarten Erleichterungen bei der Beantragung von Flächenzahlungen.

Darüber hinaus bietet die Digitalisierung insbesondere bei Produkten, die bereits nahe am Endprodukt sind wie bspw. Obst & Gemüse, Milchprodukte, Honig etc. Chancen, näher an den Verbraucher heranzukommen. Denn die Digitalisierung stärkt e-commerce und die Bedeutung von Handelsplattformen, auch im Lebensmittelhandel. Das führt dazu, dass die Direktvermarktung wird durch digitale Instrumente unabhängiger von einer speziellen Region.

Wer zahlt für die Investition in welche Infrastruktur?

Im Positionspapier der DLG „Digitale Landwirtschaft“ sind eine Reihe von Forderungen formuliert, mit denen die Landwirtschaft einen Mehrwert aus der Datennutzung und neuen, datenbasierten Services erreichen soll. Die erste (Infrastruktur ausbauen) und die letzte Forderung (Aus- und Weiterbildung stärken) können sicherlich alle befürworten - hier spricht nichts dagegen.

Dennoch müssen die Begriffe genau betrachtet werden: Was ist Infrastruktur? Ist es die Infrastruktur, die wir Breitbandausbau nennen? Das ist sicherlich eine hoheitliche Aufgabe, die jetzt sogar im Koalitionsvertrag verankert wurde. Aber wie sieht es mit dem Mobilfunk aus? Wer bezahlt den 5G flächendeckenden Ausbau? Wir Kunden insgesamt, d.h. auch die Landwirte, sind gefragt. Oder ist die Infrastruktur gemeint, die die Maschinen und Höfe vernetzt, wie Telemetrie und Cloudnetzwerke zum Beispiel. Hier muss viel Geld in die Hand genommen werden - was im Moment übrigens gerade geschieht. Aber es muss bezahlt werden, am Ende auch von den Nutzern, also uns Landwirten.

Dateneigentum: genaue Zuordnung von Eigentumsrechten zu den verschiednen Daten notwendig

Zu präzisieren ist auch die Forderung, dass alle betrieblichen Daten den Landwirten gehören sollen, denn der Begriff der betrieblichen Daten ist zu unbestimmt. Was sind betriebliche Daten? Wem gehören z.B. Fernerkundungsdaten? Dem  Satelliten-Provider, oder dem Dienstleister, der daraus Applikationskarten erstellt? Wem gehören die Wetterdaten, die überregional gemessen oder berechnet werden? Wem die Bodendaten, die mit Steuergeldern vor langer Zeit flächendeckend ermittelt wurden? Wem gehört die Information aus BigData-Analysen, die eine Empfehlung rechnet?

Von diesen Daten sind Daten von Landwirten abzugrenzen, wie etwa Anbaudaten und Maßnahmenplanungen auf den Feldern. Das sind originäre Daten vom Landwirt, Daten, die Ihm gehören. Aber die Information des Einzelnen wird schnell unwichtig, wenn genug andere weltweit in die Entwicklung von Analyse-Systemen eingezahlt haben.

Eine weitere Forderung der DLG, aber auch des gesamten Berufsstands ist, dass die Digitalisierung zum Wohle der Landwirtschaft eingesetzt und nicht, so wie in anderen Branchen, die Daten von wenigen Einzelnen gewinnbringend verwendet werden. Ebenso wird verlangt, dass die Abhängigkeit von Technik und Datenverarbeitern nicht zu Stillständen in der landwirtschaftlichen Produktion führen dürfen.

Datenmonopole vermeiden – die Verantwortung der Datennutzer

Hierzu ist kritisch anzumerken, dass durchaus die Gefahr besteht, dass am Ende der ein oder andere große internationale Konzern über die Macht der Daten verfügt. Wir sehen gerade solche Tendenzen mit dem Kauf von Monsanto durch Bayer und dem internationalen Angebot an digitalen Services von Seiten der Industrie. Noch besteht die Möglichkeit, in einer noch von wenigen Monopolen beherrschten regionalen europäischen Umgebung, diese Abhängigkeit zu vermeiden. Das bedeutet aber auch, dass den regionalen Playern eine Chance gegeben werden muss, durch bezahlte Services im Rennen um die Daten mithalten zu können. Wir müssen als Landwirte zu unseren mittelständischen Partnern stehen und nicht den kostenlosen Angeboten hinterherlaufen oder mit Verweigerung reagieren. Ansonsten bleiben nur die großen Player übrig die genug Geld haben, diese Infrastruktur ohne kostendeckende Unterstützung aufzubauen.

Diese Infrastruktur auf dem landwirtschaftlichen Betrieb selbst vorzuhalten und nur bei Bedarf „online“ zu gehen ist schlichtweg eine Illusion. Wir Landwirte verfügen weder über das geeignete Know-How, noch können wir auch nur annähernd dem rasenden technologischen Fortschritt folgen. Die Vernetzung der Branche entlang der  Wertschöpfungskette müssen andere übernehmen - ansonsten bestehen wir aus dem fragmentiertesten System, was zu Schwierigkeiten der Kompatibilität zu anderen Systemen betrifft. Dann sind wir kaum erreichbar für „Dienste“ anderer. Ein schönes Beispiel hierfür ist auch die Forderung, möglichst kostenlos die zur Verfügung gestellten digitalen Daten von Ämtern, die mit Steuergeldern erhoben wurden, zu nutzen.

Es gibt aktuell ein gut funktionierendes System von Korrekturdaten in Deutschland von verschiedenen Anbietern für Lenksysteme. Dieser Service wird gerade ad absurdum geführt, da einzelne Bundesländer beginnen mit Unterstützung des Bauernverbandes diese Daten kostenlos anzubieten. Dem ist eigentlich nichts entgegenzusetzen, aber was gerade passiert ist die Erfahrung zu machen, das kostenlos durchaus auch umsonst sein kann. Was ist denn aktuell, wenn der Traktor das Bundesland verlässt und in ein Nachbarbundesland fährt, welches diesen Dienst nicht verfügbar hat? Was ist wenn das System ausfällt - wer ist am Freitagnachmittag erreichbar in der Behörde, geschweige am Wochenende oder nachts? Die Reaktionszeiten und Ausfallzeiten der ersten Nutzer zeigen schon mal, dass so ein Service professionell zur Verfügung stehen muss. Und das in allen 16 Bundesländern - auch das ist eine Illusion, zumindest aktuell. Bei 16 mal Bodendaten sind wir auch noch meilenweit von einer belastbaren Lösung entfernt. Unser föderales System mit Beamtenapparaten spricht hier nicht gerade für eine innovative skalierbare Basis!

Nutzen aus den Daten: Bezahlangebote sind der Schlüssel für Datensouveränität

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Punkt, dass die Landwirte aus Ihnen Daten Nutzen ziehen sollen und Sie mit Hilfe der Digitalisierung näher an den Verbraucher heran kommen können. Um das zu erreichen, müssen Sie sich aktiv darum kümmern. D.h. die Services wählen und nutzen, die Ihnen diesen Nutzen tatsächlich bringen und nicht nur versprechen. Es ist nicht der Service am besten der nichts kostet, sondern der der unter dem Strich den meisten Nutzen stiftet. Je mehr ein Landwirt auch mit Geld diese Services nachfragt, umso eher kann er auch auf seine Rechte bezüglich Datenschutz und Sicherheit Einfluss nehmen. Bei den kostenlos Angeboten zahlt er in der Regel mit seinen Daten und muss sich nicht wundern, wenn diese abhandenkommen. Die Anbieter brauchen die Landwirte, aber auch
nur wenn sich daraus langfristig eine wertschöpfende Partnerschaft ergibt.

Denn auch das Konkurrenzumfeld der Landwirtschaft ändert sich: Es besteht durchaus die Gefahr, durch eingehauste, kontrollierte Produktionseinheiten (Stichwort Indoor-vertical Farms) mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Landwirte und Gärtner weitgehend überflüssig zu machen. Aber das wird so einfach nicht für alle Bereiche gelingen. Und hier wird auch die Politik und letztendlich die Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass die Landwirte u.a. zum Schutz der Lebensqualität des ländlichen Raums erhalten bleiben – aber durch Digitalisierung ist hier viel mehr möglich.

Blockchain-Technologie kann helfen, Verbraucher und Gesellschaft enger an die Landwirtschaft zu binden

Wir sollten den Spieß umdrehen und gerade mit Hilfe dieser Digitalisierung die Verbraucher und Gesellschaft stärker an uns binden und die Abhängigkeiten an Großkonzerne wie ADM, Bunge, Cargill, EDEKA, REWE, ALDI, LIDL Amazon und AliBaba zu minimieren. Wie das gehen soll, zeigt sich gerade mit dem Erscheinen der Blockchain-Technologie auch in unserem Sektor. Diese Technologie hat das Zeug dazu, diese großen Datenkraken zu verhindern und die Macht dezentral innerhalb eines anonymen, unabhängigen Netzwerkes zu verteilen. Wir sind sicherlich gut beraten als Branche diese Technologie ernsthaft in unsere Überlegungen zur Umsetzungen der Digitalisierung entlang der Wertschöpfungskette einzusetzen und somit jeden einzelnen Produzenten wieder mit verbesserter Transparenz in den Vordergrund zu heben und Teil eines Lieferversprechens zu werden.

Bis es soweit ist kann ich uns in der Branche nur empfehlen durch gezielte Nachfrage nach Nutzanwendungen, am besten des breiten Mittelstandes, einen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Services zu nehmen und die Infrastrukturentwicklung bunt zu halten.
Das wird nicht kostenlos sein können - denn nur wer den Schlüssel bezahlt hat, wird auch damit sein Datenschloss auf- und zusperren können.

Autor: Ulrich Wagner, „Daten-Unternehmer“ und Landwirt in Regenstauf, Bayern