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Der digitale Betrieb ist auf dem Vormarsch

„Viele Innovationen im technischen Bereich benutzen digitale Techniken, um bestehende Verfahren zu verbessern, kontrollierbarer, präziser, schneller und sicherer zu machen. Dazu gehören Entwicklungen aus dem Bereich Internet of Things, vernetzte Sensoren, Bedien- und Kontrollmöglichkeiten aus der Ferne über PC und Smartphone oder auch die Kommunikation von verschiedenen Maschinen untereinander.

Dazu gehören aber auch viele digitale Weiterentwicklungen des Precision Farming, bis hin zu Verfahren, die den Prozessen im Ackerbau eine neue Dimension der Planbarkeit geben – Fahrspurplanung auf dem Acker oder die positionsgenaue Aussaat von Reihenkulturen zur späteren genauen mechanischen Pflege seien hier genannt.

"All dies ist technischer Fortschritt, wie wir ihn kennen und auch beurteilen können, und dies sollten wir auch genau tun“, sagte DLG-Präsident Hubertus Paetow am 21. Februar 2018 zur Eröffnung des Zukunftsplenums „Der digitale Betrieb – Chancen richtig nutzen“ auf der DLG-Wintertagung in Münster/Westfalen.

Vor den mehr als 1.000 Teilnehmern ging er auf die digitalen Umwälzungen im Bereich der Geschäftsmodelle und -abläufe ein. In Bereichen des täglichen Bedarfs, wie zum Beispiel beim Online-Handel, hätten die digitalen Umwälzungen größte Auswirkungen auf die Struktur ganzer Branchen. Neue Wege der Kommunikation zwischen den Marktteilnehmern und die Möglichkeit, viele Teilschritte des Geschäftsprozesses automatisch ablaufen zu lassen, hätten hier zu großen Verschiebungen geführt.

Ob diese Entwicklungen auch in der Landwirtschaft Einzug halten werden, hängt nach Meinung des DLG-Präsidenten davon ab, inwieweit die Integration auch die landwirtschaftliche Rohstoffproduktion und den Handel mit einbezieht. „Solange ein Betrieb Milch, Fleisch oder Getreide in einer definierten Standardqualität produziert, wird die Vermarktung kaum von digitalen Geschäftsmodellen profitieren“, betonte Paetow. Lediglich in der Logistik, also im Management der Lieferkette, könnten hier Potenziale liegen.

„Die digitale Revolution wird unsere Rolle als Menschen auf dieser Erde grundlegend verändern. Daten sind heute der Treibstoff der Zukunft.“ Dies erklärte Prof. Dr. Ewald Wessling von der Hochschule Hannover. Computerprogramme würden inzwischen als selbstlernende Systeme programmiert, die sich unabhängig von menschlichen Einflüssen weiter entwickeln und Ergebnisse liefern können, deren Begründung anschließend von Menschen nicht mehr nachvollziehbar ist. Hier beginne Artifizielle oder Künstliche Intelligenz, die möglicherweise irgendwann menschlicher Intelligenz überlegen sein kann.

„Daten sind das neue Öl, und je mehr Daten sich erschließen lassen, umso bessere Ergebnisse liefern die Computeralgorithmen.“ Wie Wessling betonte, lassen sich Daten über das Internet weltweit beliebig kombinieren, und daraus entstehen neue Geschäftsmodelle, „die die Märkte gravierend verändern mit dem Ergebnis, dass die Wertschöpfung zum Kunden geht“. Insbesondere würden Online-Plattformen die Disruption vorantreiben.

Datenbasierte Geschäftsmodelle würden zukünftig in der Landwirtschaft nicht nur auf Einzelanwendungen fokussieren, sondern auf Komplett-Services. „Die zukünftigen Geschäftsmodelle werden helfen, Ressourcen effizienter einzusetzen, umweltschonender zu produzieren, die Qualität der Produkte zu verbessern und die Kosten zu senken“, so der Wissenschaftler. Bei allen Digitalisierungsprozessen komme der Datenhoheit wesentliche Bedeutung zu. „Sie als Landwirte müssen die Datenhoheit behalten“, betonte Wessling. Die Landwirte hätten weit mehr Erfahrungen mit dem technischen Wandel als andere Branchen, „daher habe ich keine Angst um Sie“.

„Durch die Digitalisierung können wir eine effizientere, Ressourcen schonendere Landbewirtschaftung betreiben“, erklärte der Marktfruchterzeuger Carl-Christian Koehler aus Siestedt (Sachsen-Anhalt). Vorteile sieht er insbesondere im effektiveren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Düngern und Saatgut. Hinzu komme eine Arbeitserleichterung durch die automatische Dokumentation.

Auch Kosteneinsparungen hält er für möglich. Risiken bestünden vor allem in der Datensicherheit, unter anderem durch Cyberkriminalität. „Die Datenhoheit gegenüber unseren Maschinenherstellern sehe ich als nicht so großes Problem, das ist für mich mehr ein Miteinander“, betonte Koehler. „Auch nutze ich zur Navigation Google. Da werde ich zwar voll überwacht, aber es funktioniert, und das ist mir wichtiger. Ich komme letztendlich schneller ans Ziel.“

Koehler erwartet, dass die Robotik sich weiterentwickeln wird, insbesondere in der mechanischen Unkrautbekämpfung sieht er Potenzial. Auch Sensoren, Satelliten und Drohnendaten werden besser. „Ich denke, wir sind hier aber schon recht weit! Es hängt eben an der einfachen Umsetzung auf dem Betrieb, und das muss sich verbessern! An diesem Punkt wäre auch mein Wusch, dass es bestimmte Grunddaten für die Betriebe kostenlos gibt. Das wäre eine gute Möglichkeit, anfängliche Barrieren zu überwinden.“

„Unsere Kühe sind schon längst in der Cloud“, sagte Detlef May von der Lehr- und Versuchsanstalt für Tierzucht und Tierhaltung in Groß Kreutz (Brandenburg). Der Milchviehhalter nutzt Herdenmanagementsoftware bereits seit 25 Jahren. Alle wichtigen Produktionsparameter des Bestandes sind heute von überall auf der Welt abrufbar und minutenaktuell.

Die Digitalisierung habe zusätzliche Informationen über das Einzeltier für Entscheidungen und Managementmaßnahmen gebracht. Zudem habe sich die Tierkontrolle verändert, auffällige Tiere würden besonders intensiv beobachtet, und die Tierhistorie führe zu anderen Entscheidungsgrundlagen, insbesondere bei Handling und Prophylaxe.

Für die Zukunft wünscht sich der Milchviehhalter funktionsfähige Schnittstellen zwischen den Systemen ohne notwendige Umstellung auf einen Vollanbieter sowie eine Vorfilterung der Datenmengen auf entscheidende Managementinformationen. Auch sieht er noch weiteren Bedarf bei der Digitalisierung in Richtung Arbeitsentlastung: „Die Digitalisierung kostet noch zu viel Zeit.“ Allerdings gebe es auch noch einige Fragen, die durchaus kritisch gesehen werden müssen. Datensicherheit stehe hier oben an, genauso wie das Heben ökonomischer Vorteile.

Wie sich die Digitalisierung als Schlüssel der überbetrieblichen Prozessentwicklung nutzen lässt, dies zeigte Steffen Schirmacher-Rohleder am Beispiel seines Dienstleistungsunternehmens ODAS GmbH auf. Das in Dorsten beheimatete Unternehmen beschäftigt sich seit der Gründung im Jahre 2004 in einem Kernbereich mit der Vermittlung und dem Handel von organischen Düngern. Gegenwärtig betrage die gehandelte und transportierte Tonnage rund 500.000 t pro Jahr.

Mit einer im Unternehmen entwickelten Online-Plattform „DELOS“ werden ODAS-Kunden in die Lage versetzt, gezielt auf einer Fläche eine organische Düngung bestellen zu können und zwar zum gewünschten Termin, mit der richtigen Ausbringtechnik und der gewünschten Ware. „Dies führte dazu, dass wesentliche Prozesse im Unternehmen ab sofort digitalisiert waren“, sagte Schirmacher-Rohleder. Ziel sei es immer gewesen, mit möglichst wenig Kommunikation die erhaltenen Aufträge bis zur Durchführung komplett zu digitalisieren.

Mittlerweile habe das Unternehmen viele weitere Schritte digitalisiert: Diese erstreckten sich über das Erstellen von Lieferscheinen für Nähstoffverwertung, den Transfer der Nährstofflieferscheine nach Wirtschaftsdüngernachweisverordnung aus DELOS direkt zu den zuständigen Landwirtschaftskammern bis hin zur kompletten Digitalisierung der Tagesberichte der Fahrer, der Zeiterfassung der Mitarbeiter, der GPS-Ortung der Fahrzeuge sowie der Bereitstellung der DELOS APP.

Schweinehaltung: Herausforderungen 2018 annehmen!

Die Herausforderungen an die Schweinehalter nehmen auch im neuen Jahr nicht ab. Der Grund liegt darin, dass viele Themen aus der Vergangenheit noch nicht gelöst sind, bevor neue Themen hinzukommen. Gemäß der „Brüsseler Erklärung“ sollte am 01.01.2018 Schluss sein mit der Kastration männlicher Ferkel ohne Betäubung. Deutschland hat zwar noch ein weiteres Jahr Zeit, um mögliche Alternativen zu bewerten, allerdings ist nach wie vor kein Königsweg in Sicht, auf den sich die gesamte Branche einigen könnte. Ein Grund für das Treten auf der Stelle liegt darin, dass verschiedene Alternativen an die Grenze der Vermarktungsfähigkeit gestoßen sind. Von daher wird fieberhaft versucht, den sogenannten „4. Weg“ (Betäubung unter Lokalanästhesie) voranzutreiben. Dieser Weg steht den Schweinehaltern in einigen Nachbarländern wie z.B. Schweden oder Dänemark bereits offen und wird als Möglichkeit vor allem für Betriebe in kleinstrukturierten Regionen gesehen. Einige Tierschützer und Vertreter aus der Tierärzteschaft haben sich aus Tierschutzgründen aber bereits gegen diesen Weg ausgesprochen. Fakt ist: Ferkel aus Deutschland würden massiv an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importferkeln verlieren, wenn in anderen Ländern ganz andere Lösungen als in Deutschland möglich sind.

 

Nicht zuletzt ausgelöst durch das „Magdeburger Kastenstandurteil“ herrscht in Deutschland weiterhin große Unsicherheit dahingehend, wie Ställe für Sauen zukünftig geplant werden können um die Anforderungen an Tier- und Umweltschutz einerseits sowie die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit andererseits zu gewährleisten. Ein Workshop des DLG-Ausschusses Schwein im November 2017 machte deutlich, dass betriebsindividuelle Lösungen gesucht werden und es vermutlich keine Konzepte von der Stange geben wird. Dies stellt auch die Stalleinrichter vor große Herausforderungen und man darf jetzt schon gespannt sein, welche Lösungen zur EuroTier 2018 in Hannover präsentiert werden.

Autor: Sven Häuser, DLG-Fachzentrum Landwirtschaft, Fachgebiet Tierproduktion, Schwein

INFOSKASTEN FERKELKASTRATION

Zunächst aber sind die Schweinehalter aber nach Münster zur DLG-Wintertagung eingeladen, um am 21. Februar 2018 um 08:00 Uhr im Impulsforum „Ferkelerzeugung ohne Kastration und Kastenstand – Wo stehen wir und wie geht es weiter?“ mit den Referenten Dr. Frank Greshake (Schweinevermarktung Rheinland w.V.), Gereon Albers (Sauenhalter aus Niedersachsen), Dr. Xaver Sidler (Universität Zürich) und Dr. Jörg Bauer (Schweinehalter und Berater aus Hessen) Herausforderungen und Chancen zu diskutieren.
Das gesamte Programm der DLG-Wintertagung finden Sie hier