Skip to main content

Glücklich und zufrieden?!

Wie geht es den deutschen Landwirten?

Wie geht es den deutschen Landwirten? Ausführliche Antworten auf diese Frage gibt die Glücksumfrage von top agrar unter Schirmherrschaft von Brigitte Scherb aus dem Winter 2016/2017. Trotz langer Arbeitstage, knappem Verdienst und gesellschaftlichen Debatten: Mehr als drei von vier Bauern und Bäuerinnen sind zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Situation. Das sind stolze 76,1% der deutschen Landwirte. Zudem ist die Stimmung der deutschen Ackerbauern etwas besser als die der Milchviehhalter. Aber auch unter den Milchbauern sind gut zwei Drittel zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Situation.
Erklärungen für das große Wohlgefühl gibt der Fragebogen zuhauf. Eine der wichtigsten ist sicherlich: Viele Landwirte sehen ihren Beruf nicht einfach als irgendeinen Job an. Für mehr als zwei Drittel aller Umfrageteilnehmer ist der Beruf Landwirt nicht weniger als eine Lebenshaltung, für Männer wie Frauen gleichermaßen. Weitere 28% Prozent sagen, dass Landwirt ein guter Beruf sei. Nur 2,9% meinen, es sei lediglich „ein Job wie jeder andere“.

Mehr als ein Job!

Trotz viel Arbeit, wenig Freizeit und unsicherem Einkommen scheint der Beruf eine Lebensqualität und ein Lebensgefühl zu bieten, das nicht rein in Zahlen und Arbeitsstunden auszudrücken ist. Mehr als andere Jobs gleicht der Beruf Landwirt einer Lebensart, die offenbar sinnstiftend für viele Landwirte ist – und viele Nachteile und Unsicherheiten aufwiegt, zeigt die Umfrage. Als besonders wertvoll schätzen mehr als zwei von drei Landwirten und ihre Familien das Leben und Arbeiten mit Tieren und der Natur ein (67,9%). Vielleicht zeigt sich darin, was das „Mysterium Landwirtschaft“, die Faszination für den Beruf, trotz aller Widrigkeiten ausmacht: Landwirtsfamilien leben im Rhythmus des Hofes, des Wetters und der Jahreszeiten. Eine konstruierte Work-Life-Balance brauchen viele nicht.

Ebenfalls als großes Plus sehen 62% die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf den Höfen. Für Frauen ist dieser Aspekt bedeutender. Denn dank der guten Unterstützung der Senioren haben es viele Bäuerinnen leichter, Kinder und Karriere miteinander zu vereinbaren. Der Effekt: Sie bekommen deutlich mehr Kinder als der Durchschnitt.

Auch die freie Arbeitseinteilung (61,7%) ist ein Pfund: Sie macht es möglich, z. B. das Hobby zwischendurch auf dem Hof zu verwirklichen. Viele Bauern und Bäuerinnen pflegen landwirtschaftsnahe Hobbys, wie z.B. die Jagd, oder starten vom Hof aus ihre Walkingrunde.

Ausgeglichen oder ausgebrannt?

Die Umfrage zeigt: Die Verhältnisse, in denen eine Landwirtsfamilie lebt, beeinflussen die Zufriedenheit der Hofbewohner. Dazu gehören z. B. die Harmonie innerhalb der Familie, die Ausrichtung des Betriebes und die finanzielle Situation. Doch offenbar können die meisten Menschen auch aktiv etwas für ihre Zufriedenheit tun. Frappierend ist die glücksstiftende Wirkung von Urlaub. Von den (sehr wenigen) Bauernfamilien, die mindestens drei Wochen oder länger Urlaub machen, sagen stolze 90,7%, dass sie zufrieden oder sehr zufrieden sind. Sie erleben dreimal so häufig Glücksmomente wie ihre Berufskollegen, die Ferien nicht ermöglichen können. Nur 7,2% von ihnen fühlen sich überlastet oder ausgebrannt. Im Vergleich: Knapp jeder zweite Landwirt, der keinen Urlaub einplanen kann, fühlt sich überlastet oder ausgebrannt.

Insgesamt sind Landwirte und ihre Familien in puncto Urlaub genügsam. Knapp jeder zweite Umfrageteilnehmer (47,6%) gönnt sich lediglich ein bis zwei Wochen Urlaub pro Jahr. 27,5% der Teilnehmer kommen sogar mit weniger als einer Woche Ferien aus. Auf wenigen Höfen (7,6%) ist gar kein Urlaub möglich, 3% der Befragten geben an, keinen Urlaub zu brauchen. Den deutschen Durchschnitt von rund 3 bis 4 Wochen Urlaub pro Jahr erreicht nur gut jeder zehnte Landwirt. Dennoch: Für etwas mehr als einen von drei Landwirten ist das persönliche Verhältnis von Arbeit und Freizeit trotz hohem Arbeitseinsatz und wenig Urlaub in Ordnung. Sie können sagen: „Ich fühle mich ausgeglichen“. Rund 45% der Teilnehmer hätten gerne mehr Zeit für andere Dinge, wie z. B. Familie, Hobbys oder Freizeitaktivitäten. „Nur“ knapp 15% fühlen sich überlastet, 3,7% sagen über sich: „Ich bin völlig ausgebrannt.“ Verglichen mit der Gesamtbevölkerung ist das ein niedriger Wert. Von den Landwirten, die sich in einer finanziell angespannten oder sogar ruinösen Lage befinden, geben 8,2% sogar an, völlig ausgebrannt zu sein.

Finanzielle Lage, Arbeitspensum, Kritik von außen

Auch darüber hinaus stehen etliche Antworten im Widerspruch zum Lebensgefühl vom großen Glück. Das Arbeitspensum der Landwirte ist – wie erwartet – hoch, die 40-Stunden-Woche für viele unrealistisch. Die meisten Teilnehmer (28,4%) „knüppeln“ zwischen 60 und 80 Stunden pro Woche – rund das Doppelte eines durchschnittlichen Arbeitnehmers. Weitere 27,4% schuften immerhin noch 40 bis 60 Stunden im Betrieb. Eine kleine Gruppe (6,8%) arbeitet sogar mehr als 80 Stunden pro Woche. Das entspricht einer Tages-Arbeitszeit von täglich mehr als 11 Stunden, sieben Tage die Woche.

Doch nicht für alle Landwirte mündet der hohe Arbeitseinsatz in einer rosigen Einkommenssituation. Doch für immerhin 23,8% der Landwirte rentiert sich ihr zeitliches Engagement. Sie schätzen ihre finanzielle Situation als gut ein. Weitere 44,1% sehen sich solide aufgestellt. Doch für einen von drei Landwirten führt die tägliche Arbeit nicht zum wirtschaftlichen Erfolg. Vor allem durch Preiskrisen und Überschuldung ist ihre finanzielle Lage angespannt (29,5%) oder sogar ruinös (2,6%). Das drückt die Zufriedenheit logischerweise deutlich. Sie sinkt bei angespannter oder ruinöser Lage auf dem Hof um 25 Punkte von über 75% auf unter 50%.

Unabhängig von der Einkommenssituation beklagt ein Großteil der Landwirte die fehlende Anerkennung für ihre Arbeit: Für drei von vier Umfrageteilnehmer ist die fehlende Wertschätzung durch Politik und Gesellschaft emotional gesehen der größte Störfaktor des Hoflebens, noch vor den Punkten „wirtschaftliche Unsicherheit“ und „hohe Arbeitsbelastung“. Überspitzt gesagt: Die Landwirte sind lieber arm, als nicht anerkannt und respektiert.

Wie stark vielen Landwirten die andauernde Kritik von Tierschützern, Medien und Verbrauchern zu Herzen geht, zeigen auch die Kommentare vieler Einsender. Über die Hälfte der Teilnehmer fühlen sich nur teilweise als Landwirt oder Angehöriger einer Landwirtsfamilie anerkannt. 41,2% finden, dass es allgemein an Wertschätzung für den Beruf mangelt. Die Hauptschuld dafür sieht die Mehrheit bei den überregionalen Medien. Noch stärker als das Misstrauen in der Gesellschaft demotivieren die Bauern die Bürokratie und die Dokumentation, die im Alltag zu leisten sind, sowie der Umgang mit den Behörden (67,3%).

Blick in die Zukunft

Die Zukunftsaussichten der Landwirtschaft insgesamt beurteilen die Teilnehmer nicht allzu rosig: Zwei von drei Landwirten sind fest überzeugt oder halten es für sehr wahrscheinlich, dass ihr Betrieb auch in 20 Jahren noch existieren wird. Im Umkehrschluss befürchtet oder weiß allerdings bereits heute ein Drittel der Landwirte, dass sie den Hof auf absehbare Zeit nicht werden halten können. Dennoch geben viele Landwirte ein klares Votum für den Hof ab. Knapp 60% würden sich wieder für den Betrieb entscheiden. Ein knappes Drittel kommt angesichts der Probleme zwar ins Wanken. Aber nur knapp jeder Zehnte würde sich, stünde er erneut vor der Wahl, gegen den Hof und das Landleben aussprechen. Warum sich die Begeisterung und Faszination für den Beruf Landwirt so hartnäckig hält, bringt eine 45-jährige Sächsin im Gespräch auf den Punkt. „Alle Probleme und Sorgen abgezogen: Unterm Strich würde ich nichts anderes sein wollen, als Landwirtin“, erklärt sie. „Es ist wohl vor allem eine Berufung, kein Job.“

Autor: Kathrin Hingst, freie Journalistin aus Rostock.