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Landwirtewohl: Lebensqualität zurückgewinnen, sichern, gestalten

Fehlende gesellschaftliche Wertschätzung beeinflusst das Lebensgefühl

Seit einigen Jahren wird vielfach und intensiv über Tierwohl diskutiert. Zum großen Teil sind die Anliegen berechtigt. In der Debatte wurden hierbei weitere Probleme offenkundig:

Zum einen lassen sich viele Tierwohlprobleme nicht einfach, schnell und kostengünstig lösen. Die aktuellen Diskussionen um den Verzicht auf nicht-kurative Eingriffe wie das Kürzen der Schwänze und betäubungslose Kastrationen verdeutlichen dies. Hier müssen sich die Akteure in Praxis und Verbänden sicher fragen, ob man nicht eher hätte reagieren sollen.

Zum anderen gab und gibt es vielfache und andauernde öffentliche Kritik an den Tierhaltern selber. Teilweise reichen deren Folgen bis in den privaten Bereich mit Exzessen, wie Stalleinbrüchen und – wie wiederholt berichtet wurde – Mobbing gegen Familienangehörige, wie Kinder von Landwirten.

Diese doppelte Kritik geht an vielen Landwirtinnen und Landwirten nicht spurlos vorbei, wobei man sicher unterscheiden muss zwischen den Konflikten an sich und den Sorgen, die aus notwendigen Veränderungen resultieren, weil diese in vielen Fällen sogar existenzbedrohend sein können.

In manchen Diskussionen kam daher in den vergangenen Jahren die Frage auf, wo denn bei all den Diskussionen um das Tierwohl das "Landwirtewohl" bleibt.  

Jedoch gab es in den vergangenen Jahren nicht nur Diskussionen um die Tierhaltung. Ähnlich intensive und emotionale Kritik wie an der Tierhaltung finden sich auch in anderen Bereichen, wie etwa mit Blick auf die Diskussionen um Glyphosat und Nährstoffüberschüsse.

Belastung durch wirtschaftliche Herausforderungen, steigende Anforderungen und falsche Erwartungen

Neben den genannten Konflikten hatten sich Landwirtinnen und Landwirte auch mit erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen auseinander zu setzen. In einigen Teilbereichen, wie der Milchvieh- und Schweinehaltung gab es in den vergangenen zehn Jahren wiederholte lang andauernde Preiseinbrüche, die teilweise für viele Landwirtefamilien ebenfalls existenzbedrohend waren und entsprechende Sorgen hervorrufen.

Vermutlich ergeben sich viele Sorgen und Belastungen auch aus den sich ständig verändernden Anforderungen der Tätigkeit als Landwirt: Ein heute 45-jähriger Landwirt, der sich vor möglicherwiese 30 Jahren zugunsten einer landwirtschaftlichen Ausbildung entschieden hat, heute einen Betrieb leitet und noch weitere 20 Jahre darauf angewiesen ist, damit seinen Lebensunterhalt zu sichern, wuchs in einem deutlich anderen Umfeld auf. In Westdeutschland gab es vor 30 Jahren keine oder kaum landwirtschaftliche Unternehmen, wie sie wenige Jahre später in den neuen Bundesländern zum Standard wurde. Viele Märkte waren geregelt und die Bürokratie nur ein Bruchteil dessen, was heute der Standard ist. Auch haben sich andere Anforderungen hinsichtlich des Managements ergeben: Es gilt heute neben der Produktion auch Finanzierung, Vermarktung, Arbeitskräfte, Flächenzugang optimal zu managen. Dabei geht es um erhebliche Werte. Entsprechend sind die persönlichen Anforderungen an die Leiter der Betriebe gewachsen – möglicherweise in vielen Fällen schneller als die fachlichen ebenso wie die mentalen Fähigkeiten.

Es wäre allerdings wohl zu kurz gegriffen, wenn man das Thema "Landwirtewohl" bzw. besser die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Landwirtinnen und Landwirte einschließlich ihrer Familien nur an äußeren Gegebenheiten und Zwängen fest zu machen. Betrachtet man Lehrbücher und ebenso viele Beiträge und Ratgeber in den Fachmedien, orientieren sich Entscheidungshilfen für Investitionsentscheidungen zumeist ausschließlich an Kriterien wie Rentabilität und wirtschaftliches Risiko. Höchstens randständig beachtet wird dagegen, ob Investitionen auch zu den Neigungen und Fähigkeiten der jeweiligen Landwirte passen und ob die Arbeiten auch dauerhaft bewältigt werden können. Dies gilt wohl insbesondere für die Tierhaltung, in der ganzjährig eine Siebentagewoche zu bewältigen ist. Hier stellt sich die Frage, ob angesichts der enormen Kapitalintensität der Landwirtschaft mit erheblichen Investitionssummen viele Sorgen von Landwirten und Landwirtinnen nicht aus falschen und unerfüllten Erwartungen resultieren. Möglicherweise muss sich auch die Beratung diesbezüglich hinterfragen.

Ebenfalls zu kurz gegriffen wäre es, Glück und Zufriedenheit allein an den landwirtschaftlichen Unternehmen fest zu machen. Zum einen reagieren Menschen auf Stress sehr unterschiedlich. Was eine Person als neue Herausforderung wahrnimmt, nimmt eine andere als Belastung wahr.

Auch das Lebensumfeld ist in der Landwirtschaft besonders. Ebenso wie landwirtschaftliche Flächen nicht mobil sind, sind auch viele Landwirte nicht mobil. Man ist dadurch darauf angewiesen, sich mit seinem persönlichen Umfeld zu arrangieren. Das gilt ebenso für familiäre Aspekte, wie auch für das dörfliche Umfeld. Hieraus können sich erhebliche, vor allem psychische und kommunikative Herausforderungen ergeben. Es ist oft leichter mit Fremden als mit dem Partner, den Eltern oder den Kindern zu streiten. Allzu leicht können Konflikte eskalieren oder Notwendiges ungesagt bleiben.

Aktiv an Lebensqualität arbeiten auch für Hofnachfolger und Mitarbeiter

Die bisherigen Ausführungen dürften verdeutlicht haben, dass das Thema Landwirtewohl bzw. die Lebensqualität von Landwirtinnen und Landwirten alles andere als ein unbedeutendes Thema sein. Dabei können sich die Betroffenen in sehr unterschiedlichen Situationen und Rollen befinden. Wir haben daher bewusst den Nachsatz "Lebensqualität zurückgewinnen, sichern, gestalten" gewählt. Denn die Betroffenen haben dabei keine primär passive Rolle. Es ist allerdings ebenso wichtig, sie darin zu unterstützen, diese Rolle – vielleicht besser als bisher – zu bewältigen zu können. Dazu kann Aufklärung über Problemlagen ebenso beitragen, wie Beispiele, sich damit erfolgreich damit auseinander zu setzen.

Sich mit der Thematik Lebensqualität von Landwirten auseinander zu setzen, ist jedoch auch nicht nur mit Blick auf heutige Landwirtinnen und Landwirte relevant. Es ist auch ein Thema, dass wichtig ist, um der zunehmenden Arbeitskräfteknappheit und den Herausforderungen des Generationswechsels zu begegnen. Insofern sollte man auch den Begriffs Landwirt breiter fassen, als nur die landwirtschaftlichen Unternehmerinnen und Unternehmer zu sehen. Längst wird ein erheblicher Teil der in der Landwirtschaft tätigen Arbeitskräfte entlohnt. Auch die Lebensqualität von Lohnarbeitskräften sollte als eine wichtige Herausforderung für die Zukunft der Landwirtschaft gesehen werden.