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Multitalent Grünland – Wichtige Funktionen erhalten und entwickeln

Grünland ist die Landnutzungsform mit der höchsten Biodiversität. Es schützt Böden vor Wind oder Wassererosion, dient als Aufenthalts- und Futterfläche für viele Wildtiere sowie für unser Nutzvieh und dient mit seiner Wohlfahrtsfunktion der Erholung vieler Bürger. Diese Multifunktionalität zieht allerdings Spannungsfelder zwischen der landwirtschaftlichen Nutzung und dem Naturschutz nach sich. Dass Möglichkeiten der Annäherung bestehen und eine hohe Biodiversität mit der landwirtschaftlichen Nutzung in Einklang gebracht werden kann, zeigten die Beiträge im Rahmen des öffentlichen Impulsforums „Grünland ist nicht nur Futterfläche – Wichtige Funktionen erhalten und entwickeln!“ 

Nicht alle Funktionen und Eigenschaften können bei jeder Art von Grünland gleichermaßen und simultan erfüllt werden. Auf das daraus resultierende Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Landwirtschaft ging Prof. Dr. Martin Elsäßer, Landwirtschaftliches Zentrum (LAZBW) in Aulendorf, ein. Er beschrieb Möglichkeiten der Harmonisierung zwischen beiden Nutzungsformen. Dabei spielen drei Fragen eine wichtige Rolle: 

Gibt es den gesellschaftlichen Konsens, dass es sich bei Weiden und naturnahen Wiesen trotz existenz-sichernder Intensivierung um ein Stück Kultur handelt, das es zu bewahren gilt? Gibt es den Konsens, dass etwas Wertvolles seinen Preis hat? Und besteht Konsens darüber, wer den Preis zu bezahlen hat?

Eine zukünftige Grünlandnutzung soll folgende Punkte beinhalten:

  1. Wir brauchen Grünland in jeglicher Form, um den besonderen Nutzen zu erhalten
  2. Grünland muss genutzt werden, also brauchen wir Grünlandnutzer oder müssen Gras durch Graser verwerten; Bedingungen für Beweidung schaffen
  3. Landschaft muss in Wert gesetzt werden und zwar kombiniert (siehe Dehesain Spanien mit Jamonde Iberico oder Cidre in der Normandie).

Dr. Peter Schwartze, Biologische Station Kreis Steinfurt e.V., erläuterte die abweichenden Vorstellungen von Naturschutz und Landwirtschaft für das Grünland und stellte Chancen der beidseitigen Zusammenarbeit dar. 

Zunächst benannte er die Hauptfaktoren für die Gefährdung des Grünlandes – Intensivierung, Entwässerung, Umbruch, der Biomasseanbau und die Nutzungsaufgabe.

Die zunehmende Intensivierung hat den Erhaltungszustand der verschiedenen Grünlandtypen bundes- und EU-weit verschlechtert. Mittlerweile werden 80 Prozent der Grünlandlebensraumtypen als gefährdet eingestuft. Mit dem blütenreichen Grünland schwindet die Vielfalt an Insekten, was wiederum den Rückgang bodenbrütender Vogelarten, u. a. dem Kiebitz, verursacht. Zusätzlich ist auch ein rapider Verlust der Gesamtfläche von Dauergrünland auf Bundes- und Länderebene zu verzeichnen. 

Die mögliche Vielfalt des Grünlandes wird durch verschiedene Standorte und die daran angepasste extensive Nutzung gefördert. Neben Klimaschutz, den Auen- und Hochwasserschutz sowie das Landschaftsbild ist darüber hinaus die ökonomische Bedeutung der Ökosystemleistungen des Grünlandes zu beachten.

Handlungsempfehlungen, die zum Erhalt und zur Entwicklung von Grünlandbiodiversität beitragen, betreffen öffentliches Gut, betriebliche Einbindung, Vermarktungsstrategien, technische Innovationen, Flächenkonkurrenz und Klimaschutz. 

Als konkrete Maßnahmen zum Erhalt des Grünlandes im Kreis Steinfurt wurden die seit Mitte der 1980´er Jahre im Rahmen des Feuchtwiesenschutzprogramms in NRW erfolgten Maßnahmen mit einem Beispiel der Grünlandentwicklung im Feuchtgebiet Saerbeck dargestellt und Maßnahmen zum Erhalt von artenreichem Grünland abgeleitet. 3.177 ha landes- und kreiseigener Flächen sowie öffentlicher Kompensationsflächen sind mittlerweile mit extensiven Auflagen an Landwirte verpachtet und Verpflichtungen auf privaten Flächen werden durch die Höhe der Ausgleichszahlungen beeinflusst. Auf insgesamt 4.700 ha Grünland sind derzeit 750 Landwirte vertraglich gebunden. Deren naturschutzfachliche Betreuung wird von Mitarbeitern der Biologischen Station übernommen.

Wie Vertragsnaturschutz auf einer Teilfläche und intensive Grünlandwirtschaft auf den anderen Flächen in einem Betrieb aussehen kann, zeigte Helmut Dresbach, Landwirt aus Waldbröl (Nordrhein-Westfalen). Der Oberbergische Kreis ist eine typische Mittelgebirgsregion, die sich in den letzten 50 Jahren zu einer Grünlandregion entwickelt hat. Der Anteil der Wiesen und Weiden beträgt über 90 Prozent. Die Ernte ist mit der Silagewirtschaft risikoloser geworden. Es haben sich Milchviehbetriebe gebildet, die sich mit Schlagkraft und relativ intensiver Ausrichtung am Markt behaupten können. Es gilt, möglichst viel Milch aus dem Grundfutter zu melken. Auf den wenigen Ackerflächen wird Silomais als Stärkeausgleichsfutter angebaut.

Überwiegend gehen die Kühe im Sommer auf die Weide. Dazu sind ausreichend hofnahe Weiden und ertragreiche Silageflächen notwendig. Diese, für die Milchwirtschaft prioritären Flächen, müssen erhalten bleiben, da sonst die Milchwirtschaft unrentabel wird.

Durch die Forderungen nach mehr Biodiversität – auch in unserer relativ kleinparzellierten Landbewirtschaftung – muss über neue Strategien nachgedacht werden.

Die Landbewirtschaftung hat sich zu größeren Schlägen hin verändert. Viele Zäune und Wegränder sind verschwunden. Die Forderungen, auf intensiven Mähweiden in Zukunft mehr Biodiversität zuzulassen, wurden abgelehnt. Die Vorgaben aus der Landespolitik waren jedoch eindeutig. Also: „Was nun?“

Es gibt die Möglichkeit, den Vertragsnaturschutz in der Region auszubauen. Viele Flächen eignen sich wegen ihren natürlichen Gegebenheiten nicht für die Qualitäts-Mähweide, aber sie lassen sich in die Betriebsabläufe bei Jungviehaufzucht und Mutterkuhhaltung einbinden. Wenn dann der Landwirt diese Flächen durch Vertrag noch „aufwerten“ kann, ist das eine gute Lösung.

Es gibt regional einen guten Dialog mit den Naturschutzverbänden. Wir müssen begreifen, dass es Flächen gibt, die von Flora und Fauna her für Naturschützer wichtig sind. Die jetzt noch artenreichen Wiesen und Weiden, die durch Bewirtschaftung so entstanden sind, können als prioritäre Flächen im Sinne des Naturschutzes bezeichnet werden. Das war die Basis der „Modellregion Landwirtschaft – Naturschutz Bergisches Land“.

Gute Mittelausstattung für den Vertragsnaturschutz, auch beim Ministerium, brachte den Erfolg. Mittlerweile beträgt der Anteil 16 Prozent in ganz NRW. Die Biologische Station ist dabei ein verlässlicher Partner für Landwirte und Naturschützer. 

Damit erfahren die Landwirte Anerkennung für ihr Wirtschaften – ein nicht zu unterschätzender Effekt.

Doch was zeigt die Praxis? Christof Briegel, Landwirt aus Kisslegg-Waltershofen (Baden-Württemberg), räumte mit Irrtümern auf.

Eine Herdendurchschnittsleistung von 7.500 kg bei einer Grundfutterleistung von 6.200 kg ist nur bei höchstem Energie- und Eiweißniveau aus optimal geführten Grünlandbeständen machbar. Das dient vorwiegend der Reduktion von teuren, nicht selbst produzierten Kraftfutterkomponenten.

Die Heubereitung beinhaltet 2-4-maliges (schonendes) Heuwenden, Schwaden im großen Schwad bei 65 Prozent TM, Einfahren mit Schwingenaggregat bei 70 Prozent TM und sofortiger Heutrocknung mit Warmbelüftung bis 93 Prozent TM bei mehrmaligem umschichten mit Heukran.

Eine Weidenutzung auf Kurzrasenweide fordert intensive Beweidung mit anschließender Mahd, kontinuierlichem Wechsel der Weideparzellen, Beweidung von max. 20 cm bis min. 8 cm Vermeidung hohen Weidedrucks.

Der Blütenreichtum bei extensiver Nutzung zur Förderung der Artenvielfalt wird auf nicht mechanisierbaren Hanglagen, im FFH-Grünland, Streuobstwiesen und Feuchtstellen und Bachläufen sichergestellt.

Zum Abschluss informierte Ralf Riehle, Landwirt aus Burladingen-Hausen (Baden-Württemberg), über seine Probleme mit FFH-Grünland im intensiven Milchviehbetrieb.

Der Familienbetrieb im Haupterwerb (2,2 AK) wird seit 2001 in ökologischer Bewirtschaftung nach Bioland-Richtlinien betrieben. Die Folge dieser extensiven Bewirtschaftung ist die in der FFH-Kartierung festgestellte Artenvielfalt. Intensiv bewirtschaftete Nachbargrundstücke wurden nicht als FFH ausgewiesen. Bei der Bewertung von Artenverarmung/Veränderung werden die Witterung, Trockenperioden, Wild- und Mäuseschäden sowie die Vermehrung von Giftpflanzen (Herbstzeitlose) nicht berücksichtigt. Damit wird die ökologische Bewirtschaftung – und dadurch Erhöhung der Artenvielfalt –  bestraft statt belohnt. Die Flächen können einzeln nicht mehr bewirtschaftet und der Aufwuchs aus dem Kerngebiet kann nur als Jungviehfutter genutzt werden. Beweidung ist nur eingeschränkt möglich, was im Widerspruch zum Gedanken des Ökolandbaus steht. Die Zunahme von Giftpflanzen durch die späte 1. Mahd verhindert eine Intensivierung oder Vergrößerung des Viehbestands. Langfristig kann die Anwendung der FFH-Richtlinie das Aus für die Tierhaltung bedeuten und der Hofnachfolger wird von Anfang an eingeschränkt.

Fehlende Kommunikation zwischen Ämtern und Landwirt bei der Einführung von FFH stellte den Landwirt vor vollendete Tatsachen (Kartierung ohne Betreiber vorgenommen). Bei Veränderung der Artenvielfalt droht nun Strafe! Die geringe Entschädigung für die Einschränkung (50 €/ha ≙ 4400 €/Jahr) kompensiert bei Weitem nicht die entstehenden Nachteile neben weiteren Vorschriften (Grünlandumbruchverbot, Düngeverordnung usw.) Für ihn stellt das eine Art Berufsenteignung dar, weil berechtigte wirtschaftliche Interessen nicht berücksichtigt werden.

Resümee des Öffentlichen Impulsforums des Ausschusses für Grünland und Futterbau im Rahmen der DLG-Wintertagung am 21. Februar 2018 in Münster/Westfalen

Schweinehaltung: Herausforderungen 2018 annehmen!

Die Herausforderungen an die Schweinehalter nehmen auch im neuen Jahr nicht ab. Der Grund liegt darin, dass viele Themen aus der Vergangenheit noch nicht gelöst sind, bevor neue Themen hinzukommen. Gemäß der „Brüsseler Erklärung“ sollte am 01.01.2018 Schluss sein mit der Kastration männlicher Ferkel ohne Betäubung. Deutschland hat zwar noch ein weiteres Jahr Zeit, um mögliche Alternativen zu bewerten, allerdings ist nach wie vor kein Königsweg in Sicht, auf den sich die gesamte Branche einigen könnte. Ein Grund für das Treten auf der Stelle liegt darin, dass verschiedene Alternativen an die Grenze der Vermarktungsfähigkeit gestoßen sind. Von daher wird fieberhaft versucht, den sogenannten „4. Weg“ (Betäubung unter Lokalanästhesie) voranzutreiben. Dieser Weg steht den Schweinehaltern in einigen Nachbarländern wie z.B. Schweden oder Dänemark bereits offen und wird als Möglichkeit vor allem für Betriebe in kleinstrukturierten Regionen gesehen. Einige Tierschützer und Vertreter aus der Tierärzteschaft haben sich aus Tierschutzgründen aber bereits gegen diesen Weg ausgesprochen. Fakt ist: Ferkel aus Deutschland würden massiv an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Importferkeln verlieren, wenn in anderen Ländern ganz andere Lösungen als in Deutschland möglich sind.

 

Nicht zuletzt ausgelöst durch das „Magdeburger Kastenstandurteil“ herrscht in Deutschland weiterhin große Unsicherheit dahingehend, wie Ställe für Sauen zukünftig geplant werden können um die Anforderungen an Tier- und Umweltschutz einerseits sowie die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit andererseits zu gewährleisten. Ein Workshop des DLG-Ausschusses Schwein im November 2017 machte deutlich, dass betriebsindividuelle Lösungen gesucht werden und es vermutlich keine Konzepte von der Stange geben wird. Dies stellt auch die Stalleinrichter vor große Herausforderungen und man darf jetzt schon gespannt sein, welche Lösungen zur EuroTier 2018 in Hannover präsentiert werden.

Autor: Sven Häuser, DLG-Fachzentrum Landwirtschaft, Fachgebiet Tierproduktion, Schwein

INFOSKASTEN FERKELKASTRATION

Zunächst aber sind die Schweinehalter aber nach Münster zur DLG-Wintertagung eingeladen, um am 21. Februar 2018 um 08:00 Uhr im Impulsforum „Ferkelerzeugung ohne Kastration und Kastenstand – Wo stehen wir und wie geht es weiter?“ mit den Referenten Dr. Frank Greshake (Schweinevermarktung Rheinland w.V.), Gereon Albers (Sauenhalter aus Niedersachsen), Dr. Xaver Sidler (Universität Zürich) und Dr. Jörg Bauer (Schweinehalter und Berater aus Hessen) Herausforderungen und Chancen zu diskutieren.
Das gesamte Programm der DLG-Wintertagung finden Sie hier