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Bio-Schweine: Eine absolute Nische

Ist für Schweinehalter, die mit dem Rücken zur Wand stehen, der Biobetrieb eine Lösung? Gibt der Markt das überhaupt her? Wir haben Christian Wucherpfennig gefragt.

 

Immer mehr Bio-Schweine – gibt es bei uns einen Boom?

Inzwischen werden 8 Prozent der Anbaufläche in Deutschland ökologisch bewirtschaftet, jeder neunte landwirtschaftliche Betrieb ist ein Biobetrieb. Das Interesse an dem Thema steigt auch bei den konventionellen Landwirten. Biolandwirte haben nicht mehr den Exotenstatus und sind etwas mehr im »Mainstream« angekommen. Die Hürde, zu überlegen, ob diese Form der Produktion für einen selber infrage kommt, ist daher geringer.

Allerdings sind die Bio-Veredlungsbetriebe immer noch in mehr oder weniger kleinen Nischen unterwegs. Bei der Milch sind es ja etwa 3 Prozent Marktanteil, bei den Eiern sogar 10 Prozent. Das ist jetzt auch nicht so immens viel, aber es sind noch ganz andere Größenordnungen als beim Bio-Schweinefleisch. Die Bio-Schweinefleisch-Nische ist mit 0,6 Prozent Marktanteil die kleinste Veredlungsnische.

Woran liegt das?

Zum einen sind die Unterschiede von konventioneller und Bio-Schweinehaltung nicht ganz so einfach zu verstehen. Dass ein Huhn nicht im Käfig gehalten werden soll, ist plakativ, und die Sensibilität für das Thema ist bei den Verbrauchern sehr hoch. Um zu verstehen, dass ein Schwein verschiedene Strukturen in der Bucht benötigt, dass dadurch sein Wohlbefinden steigt, dafür muss man sich schon stärker mit dem Thema beschäftigen.

Durch Markenfleischprogramme für konventionelles Schweinefleisch mit Strohhaltung usw. verschwinden außerdem die Unterschiede in Bezug auf die Haltung. Und die abweichende Fütterung ist nicht so plakativ. Außerdem ist es auch das Produkt selbst: In manchen Bevölkerungskreisen, und vor allem bei den potentiellen Biofleischkäufern, ist das Image von Schweinefleisch oft nicht das Beste. Es gilt vielen als ungesund und als allzu rustikal. Viele Verbraucher können auch in der Küche mit dem Schweinefleisch nicht gut umgehen.

Aber der Bio-Schweinemarkt entwickelt sich mit ordentlichen Zuwachsraten...

Das stimmt. Im vergangenen Jahr gab es beim Bio-Schweinefleisch ein Wachstum von 15 Prozent, die Steigerung war aber auch deshalb so groß gewesen, weil der Markt sich zuvor nur sehr mäßig entwickelt hat. Es gab zu wenig Bio-Ferkel und die Erzeugerpreise waren zeitweise nicht gut.

In diesem Jahr werden wir ein solches Wachstum aber wohl nicht wieder erreichen. Es werden jährlich einstellige Zuwachsraten erwartet. Bio-Schweinefleisch ist eben eine sehr kleine Nische und das lässt sich auch nicht so schnell ändern. Und weil der Bio-Schweinefleischmarkt so klein ist, ist er auch relativ empfindlich für Störungen. Es gibt keine gute Marktübersicht, es sind viele Verarbeiter und viele Teilstücke auf dem Markt. Ein unkoordiniertes Umstellen, womöglich noch von größeren Schweineerzeugern, ist daher überhaupt nicht gewünscht.

Inzwischen sind mehr Bio-Schweine am Markt, es sind nicht zu viele, aber sie werden eben auch nicht mehr händeringend gesucht. Und die Lage kann sich schnell verselbstständigen. Es gibt ja auch an diesem Markt Händler, die das schnelle Geld wollen und die Preise drücken. Der Preisdruck lastet dann auch auf allen anderen. Aber es gibt auch Vermarkter, die eng und fair mit den Landwirten zusammenarbeiten und für Stabilität sorgen.

Warum ist die Vermarktung komplizierter als im konventionellen Markt? 

Der Teilstückmarkt ist ohnehin ein Faktor des Schweinemarktes, der die Vermarktung erschwert. Schweinefleisch ist  ein sehr vielfältiger Rohstoff, anders als Milch oder Eier. Theoretisch möchte man aus jedem Bio-Schweine-Teilstück ein geeignetes, vermarktungsfähiges Produkt machen. Bei Aldi, Lidl und Netto beschränkt sich das Sortiment bisher im Wesentlichen auf Wurst und Hackfleisch. Deswegen werden teilweise auch wertvolle Teilstücke verarbeitet. Am konventionellen  Schweinemarkt lässt sich inzwischen jedes Teilstück verkaufen; Nasen, Ohren, Pfoten können exportiert werden. Dieser Absatzkanal fehlt für Bio-Schweine völlig, sodass relativ viele, nicht vermarktungsfähige Teile übrig bleiben. Das alles schlägt sich natürlich in der Kalkulation nieder.

Hinzu kommt, dass wertvolles Fleisch im Supermarkt häufig an der Bedientheke verkauft wird. Aber das kleine Segment Biofrischfleisch findet sich bis auf wenige Ausnahmen in der Selbstbedienungstheke. Und Bioläden, selbst Biosupermärkte, haben meistens – anders als für Käse oder Wurst – keine Bedientheken für Frischfleisch. Eine solche Theke ist für diese Läden sogar eine Belastung: Es gibt nicht sehr viel Umsatz, gleichzeitig sind die Mitarbeiter sehr teuer. Aber ein mehr als doppelt so hoher Fleischpreis will eben erklärt werden. Dazu bedarf es Grundkenntnissen in der ökologischen Erzeugung und einer gewissen Affinität zu diesen Themen.

Die Margen im Lebensmittelhandel sind ohnehin unglaublich gering, die Gewinnspanne liegt im Durchschnitt bei 2 Prozent. Ein plakatives Beispiel dazu: Wenn eine Supermarktfiliale vier Tage lang schließt (weil sie zum Beispiel renoviert wird), kostet das den Gewinn des Jahres. Naturkostläden wie denn‘s, Alnatura oder basic haben zwar etwas höhere Spannen. Aber auch sie wachsen längst nicht alle. Und die Kundschaft in diesen Märkten isst nicht nur relativ wenig Fleisch. Anders als im konventionellen Markt, wo doppelt soviel Schweine- wie Geflügelfleisch konsumiert wird, wird im Naturkostladen vergleichsweise wenig Bio-Schweinefleisch verkauft.

Kann man denn überhaupt jemandem raten, in die Bio-Schweinefleischerzeugung  einzusteigen?

Das lässt sich nicht so pauschal sagen, das hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Zum Beispiel: Kann der bestehende Stall umgebaut werden, ist das finanzierbar? Wie ist die Gebäudestruktur, lässt sich dort ein Auslauf unterbringen? Oder muss teuer neu gebaut werden und die alten Gebäude sind dann nutzlos?

Gibt es bereits einen Tierbestand, oder muss der neu aufgebaut werden – auch das ist ja sehr teuer. Bei einem reinen Mastbetrieb: Woher beziehe ich meine Ferkel? Wer wäre der Abnehmer? Soll ich mich da  an die ganz Großen herantrauen?

Der umstellungswillige Betrieb braucht außerdem genug Fläche. Bei der Sauenhaltung ist das nicht so kritisch, beispielsweise sind für 100 Tiere nur etwa 15 ha nötig. Aber bei Mastschweinen kann die Fläche schnell der begrenzende Faktor werden. Allein nach EU-Bioverordnung sind es pro ha nur 14 Mastschweine, bei einigen Bioverbänden aber auch nur 10 – also für 1 000 Schweine braucht man über 100 ha. Geklärt werden muss auch: Was bedeutet die Umstellung für meinen Ackerbau. Was passiert zum Beispiel mit Kulturen wie der Zuckerrübe?

Und man braucht eine Baugenehmigung...

Relativ unkompliziert ist es, wenn für einen bisher konventionellen Maststall eine Baugenehmigung vorliegt. Dann ist es genehmigungstechnisch meistens kein Problem, den Bestand zu halbieren – auch wenn anschließend Ausläufe nach draußen eingerichtet werden.

Muss man der »Typ Biobauer« sein oder ist das etwas für jeden?

Ein wesentlicher Unterschied zwischen konventioneller und Bio-Schweinehaltung ist, dass der Landwirt im Biobetrieb als Unternehmer noch stärker gefordert ist. Er muss sich viel mehr kümmern, vor allem um die Vermarktung. Das ist für viele allerdings auch ein Anreiz, genau wie der stärkere Zusammenhalt unter den Kollegen.

Die besseren Erlöse oder der Wunsch, aus der Schusslinie zu kommen, ist schon ab und zu die Motivation für eine Umstellung der Schweinehaltung. Ohne Interesse an der Sache reicht das auf längere Sicht bestimmt nicht. Aber wer sich mit seinem konventionellen Betrieb in der Sackgasse sieht, sich mit den Zielen eines Biobetriebes identifizieren kann, und wenn so eine Weiterentwicklung des Betriebes möglich wird, kann ein gut funktionierendes Unternehmen entstehen.

Autorin: Lisa Langbehn, DLG-Mitteilungen