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"Sicher ist - Die Entwicklung der Milchnachfrage ist derzeit schwer einzuschätzen."

Interview mit dem Milchviehhalter Eckhard Kümmerer

 

Sehr geehrter Herr Kümmerer, welche Einflussfaktoren bestimmen aktuell und mittelfristig die Entwicklungsmöglichkeiten in der Milchviehhaltung? 

Der größte Einflussfaktor ist die Entwicklung der Nachfrage in unserem direkten Umfeld. Wie wird sich die Nachfrage nach Biomilch beziehungsweise Milch der Premiumstufe, etwa gemäß dem Tierwohllabel des Deutschen Tierschutzbundes, und konventionell erzeugter Milch aufsplitten? Vielleicht hat Milch der Premiumstufe ein großes Potenzial, aber die Vielzahl der Labels scheint den Verbraucher zu verwirren.

Wenn von Nachfrage die Rede ist, denke ich an die Verbraucher. Sie bestimmen, was der Handel kauft und dieser wiederum bezieht seine Milch von den Molkereien. Wir Milchbauern überleben nur mit leistungsfähigen Molkereien. Deshalb ist entscheidend, dass wir rechtzeitig erkennen, ob die jeweilige Molkerei auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Ob sie richtig vermarktet und ein schlüssiges Konzept aufweist, entweder Kostenführer ist oder eine hohe Wertschöpfung durch Spezialprodukte erzielt. Als Milcherzeuger muss ich den Markt ständig beobachten und eventuell rechtzeitig reagieren. Wichtig für künftige Entwicklungsmöglichkeiten ist auch die Frage, wie sich die Gesellschaft und Politik zur Milchviehhaltung stellt. In welcher Form wird sich die Milchviehhaltung weiterentwickeln, wenn beispielsweise nur noch Biomilch oder Weidemilch in größerem Stil akzeptiert wird? Für Standorte mit einem hohen Anteil an ackerfähigen Böden würde die Milchviehhaltung dadurch an Bedeutung  verlieren. Die Akzeptanz der Bevölkerung ist ganz entscheidend. Akzeptiert sie größere Bestände oder ist die Blümchenwiese das zukünftige Ideal. Dann werden wohl nur noch Nischenbetriebe eine gute Marge haben.

Gerne werden von der Politik und den Verbänden die Familienbetriebe herausgestellt. Familienbetriebe sind eine sehr gute Sache, aber für junge Familien mit Kindern sind kleine Milchviehbetriebe, ohne rüstige Altenteiler, oft schwer zu stemmen. Betroffene Betriebe sollten sich überlegen, ob sie nicht mit Fremdarbeitskräften wachsen wollen, mit anderen Betrieben zusammenarbeiten oder zumindest eine 450-Euro-Kraft beschäftigen. Nur so sind Urlaub und freie Wochenenden möglich. 

 

Was tun Sie heute, um im den unter 1. skizzierten Umfeld Ihren Betrieb für die Zukunft aufzustellen, und welchen Fortschritt nutzen Sie dazu?

Ich bin eine Kooperation eingegangen, aber sehe das nicht als Allheilmittel. Kooperationen können ökonomisch und arbeitswirtschaftlich Vorteile haben, sind aber häufig auch ein äußerst sensibles Gebilde. Man muss sich mit den anderen Gesellschaftern auseinandersetzen, die das gleiche Mitspracherecht haben, aber vielleicht eine andere Meinung. Bei uns klappt die Kooperation meistens gut, aber andere sind gescheitert.

Für mich war es wichtig, dass unsere Betriebsnachfolger – unsere älteste Tochter und ihr Mann – vor dem Einstieg auch auf anderen Milchviehbetrieben Erfahrung gesammelt haben. Wenn sie danach immer noch Leidenschaft für Kühe haben, ist das schon die halbe Miete. Sie haben darüber hinaus auch gelernt, mit Mitarbeitern umzugehen.

Ansonsten ist es wichtig, die Augen aufzuhalten: Gelingt es uns vielleicht, mit unserem Betrieb andere Milch – Bio- oder Premiummilch – zu erzeugen? Label, die nicht so hohe Anforderungen an die Weidefläche stellen, können für uns interessant sein. Eine Standweide und Ausläufe könnten wir arbeitswirtschaftlich und finanziell stemmen. Bereits heute erfüllen wir viele Kriterien eines Tierwohl-Labels. Alle unsere Kühe haben zum Beispiel Liegeboxen.

 

Ganz wichtig für mich ist die Öffentlichkeitsarbeit, vor allem in unserem näheren Umfeld. Die Leute sollen merken, dass wir unsere Arbeit mit den Kühen gut und gerne machen.

 

Was den Fortschritt anbelangt, haben wir ein Melkkarussell und nutzen ein Herdenprogramm und ein System für die Brunsterkennung. Im Außenbetrieb nutzen wir Digital Farming in Form eines Spursystems mit GPS sowie Section Control für die automatische Teilbreitenabschaltung. Alle Arbeiten werden dabei automatisch dokumentiert. 

 

Unter den sich rasant ändernden Bedingungen stellt sich für manchen Landwirt die Grundsatzfrage nach dem Weitermachen oder Aufhören. Wie müssen Landwirte heute Weichen stellen, um auch in Zukunft noch Milchviehhaltung betreiben zu können?

Wenn man in Zukunft Milchviehhaltung betreiben will, braucht man weiterhin Leidenschaft für Kühe. Genauso wichtig ist, Überlegungen zur Betriebsentwicklung anzustellen. Dabei muss man stets flexibel bleiben und schauen, welche Möglichkeiten sich bieten. Was ich ebenfalls für ganz entscheidend halte: Man muss teamfähig sein, um die Zusammenarbeit mit Partnern, Mitarbeitern und anderen Betrieben zu ermöglichen. 

Für Milchviehbetriebe kann sich die Überlegung lohnen, mit anderen Kollegen zusammenzuarbeiten und Synergieeffekte zu nutzen. Man kann sich zum Beispiel mit einem Betrieb zusammentun, der keine Tierhaltung mehr hat und Gülle aufnehmen kann. Bei uns haben viele Betriebe mit Schweinehaltung aufgegeben und bewirtschaften nebenher noch die Felder.

Betriebe, die wachsen wollen, müssen sich darum kümmern, wie sie an zusätzliche Arbeitskräfte kommen, wie man sie bezahlen kann und wie der Betrieb aufgestellt werden muss, damit alle effektiv eingesetzt sind. Wir melken dreimal am Tag. Das bringt acht bis zehn Prozent mehr Milch und dies zu einem geringen Mehraufwand pro Liter Milch. Unter diesen Voraussetzungen sind Fremdarbeitskräfte gut eingesetzt.

 

Wann wäre aus Ihrer Sicht der Punkt erreicht, bei dem ein Aufhören die bessere wirtschaftliche Entscheidung für Milchhalter wäre?

Wer keinen Nachfolger hat und den Gesamtbetrieb mit Milchviehhaltung nicht gut verpachten kann, muss sich einen Ausstiegsplan machen, um ohne große Blessuren aus der Situation rauszukommen. Man kann die Leidenschaft für die Kühe auch verlieren. Das ist dann wie eine Scheidung. 

Ich denke aber, dass es Möglichkeiten für Milchviehhalter gibt, und sehe das Ganze positiv. Wir sind mit unserer betrieblichen Situation derzeit zufrieden.

 

Was uns aber nicht gefällt ist, die immer weiter wachsende Bürokratie und die Sorge von der Gesellschaft als Milchviehhalter aus nichtigen und unverständlichen Gründen abgelehnt zu werden.

 

Zur Person: Eckhard Kümmerer bewirtschaftet in Hörlebach (Baden-Württemberg) im Rahmen einer Kooperation einen Milchviehbetrieb mit rund 380 Milchkühen und 300 Hektar Land und betreibt zusätzlich zusammen mit einem Gesellschafter eine 500-kW-Biogasanlage. Die KNH Milchhof GbR produziert circa 4.200 Tonnen Milch pro Jahr.