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Fortschritt im Wandel – Folgerungen für die Landwirtschaft

Im Jahr 1916 stellte der österreichische Dipl.-Agr. Leopold Stocker beim Landeskulturinspektorat der k.u.k. Stadthalterei Graz den Antrag auf Genehmigung einer Verlagsbuchhandlung: Er wollte eine Fachzeitschrift für Landwirte gründen. Aus der Verlagsgründung ging die Zeitschrift „Der fortschrittliche Landwirt“ hervor. 2014, also fast hundert Jahre nach der Gründung des Verlags, wurde die Zeitschrift umbenannt: Das „fortschrittliche“ verschwand aus dem Titel, es blieb nur „Der Landwirt“. Ist diese Umbenennung exemplarisch? Haben „Landwirtschaft“ und „Fortschritt“ immer weniger miteinander zu tun?

Was bedeutet Fortschritt?

Der Begriff wird normativ verwendet, d.h. er meint nicht nur einen Fortgang von Geschehnissen, sondern eine Veränderung hin zum Besseren. Taucht der Begriff alltagssprachlich auf, wird er meist mit dem Bereich Technik, Medizin und Naturwissenschaften assoziiert. Dieses Fortschrittsverständnis wird klarer, wenn man zu seinen Wurzeln zurückkehrt, nämlich in die Neuzeit, exemplarisch zu Francis Bacon (1561-1626). Bacon brachte u.a. in seiner Utopie „Nova Atlantis“ auf den Punkt, was seines Erachtens eine gute, fortschrittliche Gesellschaft auszeichnet: Eine solche Gesellschaft forciert die Naturwissenschaften, um Technik hervorzubringen, die dabei hilft, die Natur zu beherrschen und das Leid der Menschen zu verringern.  

Für den Bacon’schen „Fortschrittsoptimismus“ braucht es (1) den Glauben an Technik zur Vermehrung des Wohlergehens. Dieses blinde Vertrauen in die Segnungen durch Wissenschaft und Technik ist jedoch verloren gegangen. Technik kann, im Besonderen da die langfristigen Folgen oft spät eingeschätzt werden können, nicht-intendierte Probleme und Risiken zeitigen (Bsp.: „Endlagerung“; Klimawandel). (2) Darüber hinaus basiert der Bacon’sche „Fortschrittsoptimismus“ auf einem spezifischen Verständnis von Natur. Die Natur wird bei Bacon als etwas verstanden, das brutal, roh und grausam ist – der Mensch muss gegen diese Natur kämpfen, um sich aus seinem Elend zu erheben. Heute hat sich diese Perspektive radikal gewandelt: Natur wird weniger als etwas wahrgenommen, das den Menschen bedroht – sondern eher als etwas, das der Mensch bedroht. 

Der Glaube an Technik zur Vermehrung des Wohlergehens, wie er im „Fortschrittsoptimismus“ der 1950er und 1960er noch weitgehend akzeptiertes gesellschaftliches Programm war, hat demnach einen Bruch erlitten. Heute wird gefragt: Fortschritt – für wen? Und zu welchen Kosten? Ein Fortschritt in dem einen Bereich kann nämlich einhergehen mit negativen Begleiterscheinungen in einem anderen. Diese „Verlustliste“ des Fortschritts ist es, die mehr und mehr thematisiert wird.

Nirgendwo wird dies deutlicher als in der Landwirtschaft: Die Landwirtschaft hat ohne Zweifel – im Besonderen seit der „Grünen Revolution“ – einen immensen Fortschritt in Sachen Ertrag erzielt. Gerade in den vergangenen Jahrzehnten rücken aber damit einhergehenden Fehlentwicklungen (wie etwa Versalzung der Böden) in den Fokus der Debatten. Ähnliches gilt in der Nutztierhaltung: Boogaard et al. (2011) zeigen, dass Menschen in westlichen Ländern ein ambivalentes Verhältnis zur aktuellen Nutztierhaltung haben. Einerseits schätzen sie einzelne Aspekte des hier erreichten Fortschritts, vor allem die Lebensmittelsicherheit, die Hygiene, die Nahrungssicherheit und die niedrigen Preise, zugleich kritisieren sie andere Entwicklungen, allem voran Umweltschutz- und Tierwohlaspekte wie auch einen gewissen Verlust an Traditionen. 

Wie soll die Landwirtschaft mit dieser Kritik umgehen und dabei ihren Fortschrittsgedanken weiterentwickeln? Hierzu thesenhafte Gedanken. 

(1) Der klassische „Fortschrittsgedanke“ der Landwirtschaft (salopp formuliert: bessere Technik führt zu mehr Ertrag) muss nicht aufgegeben werden. Technik weiterzuentwickeln, um den Ertrag zu sichern, ist gerade angesichts der drohenden Klimakatastrophe notwendig.

(2) Aber dieser „klassische“ Fortschrittsbegriff, der einzig und allein auf „Mehr Ertrag“ zielt, muss flankiert werden: Fortschritt besteht nicht alleine in Outputmaximierung. Die Landwirtschaft kann Fortschritt nicht mehr so definieren wie vor 100 Jahren – wenn sie weiterhin gesellschaftliche Akzeptanz genießen möchte. Es gibt zusätzliche Ziele, allem voran Klima-, Umweltschutz und Tierwohl, die im Fortschrittsgedanken berücksichtigt werden müssen. Auch an diesen „neuen Zielen“ wird der Fortschritt der Landwirtschaft zukünftig gemessen werden. (Das Problem hierbei: Fortschritt in diesen Bereichen ist leichter zu messen als zu finanzieren. Bislang wünscht der Bürger Fortschritt rund um Umwelt, Klima und Tier, zahlt aber als Verbraucher nur bedingt dafür.) 

(3) Gerade im Abwägen zwischen Ertrag und den „neuen“ Zielen kommt oft das Argument, dass z.B. der Wunsch nach mehr Tierwohl eine „Luxusdebatte“ sei. Dem kann man zustimmen – zugleich aber muss hier auch widersprochen werden: Natürlich braucht es einen gewissen Wohlstand, um Debatten wie jene rund um das Tierwohl zu führen. Wenn wir diesen Wohlstand jedoch erreicht haben, und das haben wir – müssen wir dann diese Debatten nicht auch führen?

(4) Ein hoher Grad der Technisierung widerspricht bestimmten Vorstellungswelten rund um eine idyllische Ursprünglichkeit der Landwirtschaft. Umso wichtiger ist es, zu klären und zu kommunizieren, inwieweit ein höherer Technikeinsatz angestrebte Ziele zu erreichen hilft. Beispiel: Ein voll digitalisierter Stall mag wenig mit der Ursprünglichkeit eines „Bilderbuchbauernhofs“ zu tun haben, aber permanent, detailliert und individuell erhobene Daten können die Tiergesundheit fördern. Zugleich ist auch hier die „Verlustliste“ des Fortschritts in den Blick zu nehmen. Exemplarisch: Wenn vor einer völligen „Verdinglichung“ des Tiers gewarnt wird, in dem es nur noch „Rohstoff“ ohne jeglichen Eigenwert ist, kann gefragt werden, inwieweit eine permanente digitale Überwachung, die eventuell darin mündet, dass ein Algorithmus darüber entscheidet, wann sich die Haltung nicht mehr lohnt, diese Dynamik forciert bzw. „versinnbildlicht“.

(5) Schließlich berührt die Frage „Was ist Fortschritt?“ auch die Profession selbst. Der „fortschrittliche Landwirt“ von heute ist nicht mehr „nur“ ein Landwirt, der sichere, leistbare Nahrungsmittel auf der Höhe der guten, fachlichen Praxis und in Kenntnis des gegenwärtigen Technikstandes bereitstellt. Er weiß um seine Verantwortung für Klima, Umwelt- und Tierwohlaspekte und kann im Idealfall über all diese Facetten seiner Arbeit auch noch vor einem interessierten bis kritischen Publikum Auskunft geben. Zum „Fortschritt“ in der Landwirtschaft könnte es demnach auch gehören, mehr und mehr ethische Reflexionsfähigkeit zu üben, die es einen erlaubt, sein eigenes Tun kritisch zu hinterfragen und sich zugleich aktiv in die gesellschaftlichen Debatten rund um Landwirtschaft stärker einzumischen. 

 

Der Autor: Dr. Christian Dürnberger studierte Philosophie und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Er arbeitete viele Jahre am Institut TTN an der LMÜ München. Gegenwärtig ist er am Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien beschäftigt. 

Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Ethik in der Landwirtschaft und Veterinärmedizinische Ethik.

Aktuelle Publikationen befassen sich mit Genome Editing, Ethik für Amtstierärztinnen und Amtstierärzte sowie Grüne Gentechnik.