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„Landwirte sollten ein intensives Benchmark nutzen“

Interview mit dem Marktfruchterzeuger Deert Rieve

Sehr geehrter Herr Rieve, welche Einflussfaktoren bestimmen aktuell und mittelfristig die Entwicklungsmöglichkeiten im Ackerbau? 

Aus norddeutscher Sicht sehe ich drei Problemfelder: eine Ertragsreduktion durch die Stickstoffbegrenzung, Probleme angespannter Fruchtfolgen besonders auf nassen und tonreichen Standorten mit ihren Vergrasungsproblemen und die Folgen von Kampagnen durch NGOs. Letztere wirken sich unmittelbar aus in Form fehlender Zulassungen von Pflanzenschutzmitteln sowie des Weiteren durch unsachliche Anfeindungen durch die Bevölkerung und Bürokratie infolge eines veränderten Zeitgeistes.

Da weniger ertragssteigernde Betriebsmittel zur Verfügung stehen werden, wird dies zu einem Rückgang der Erträge führen. Norddeutsche Standorte, besonders humide, maritime Standorte, die in den letzten 40 Jahren am meisten vom ertragssteigernden Fortschritt profitiert haben, werden die größten Verlierer sein. Durch die Reduktion der Stickstoffdüngung werden die Proteingehalte bei Weizen zurückgehen. Noch sind wir in der Brotweizenproduktion qualitativ wettbewerbsfähig. Dieser Vorteil kann uns verloren gehen, wenn wir keine ausreichenden Proteingehalte mehr haben. Die Küstenstandorte werden davon besonders betroffen sein. 

Neu hinzugekommen ist der Preisdruck durch Konkurrenz aus der Schwarzmeerregion. Südrussland und die Ukraine sind unmittelbare Wettbewerber für unsere Exportmärkte an Weizen. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Landwirte in Norddeutschland durch einen Rückgang der Erträge nicht nur erhöhte Produktionskosten haben werden, sie werden auch mit einem verstärkten Preisdruck kämpfen müssen. Höhere Produktionskosten und eine gewisse Verschlechterung der Exportmöglichkeiten und damit der Produktpreise – da wird sich mancher Betrieb schon die existenzielle Frage stellen.

Was tun Sie heute, um in dem unter 1. skizzierten Umfeld Ihren Betrieb für die Zukunft aufzustellen, und welchen Fortschritt nutzen Sie dazu?

Eine Reaktion für die Zukunft sind weitere Fruchtfolgen, die durch Sommerungen wie Hafer und Sommergerste erweitert werden können. Aufgrund der klimatischen Bedingungen kommen für Norddeutschland leider Körnermais schlecht und Soja überhaupt nicht infrage. Bevor man aber die Fruchtfolgen erweitert, muss nach Vermarktungswegen für die Produkte gesucht werden. Man kann Hafer etwa an spezielle Mühlen abgeben. Denn das sind keine Commoditis, die ohne Weiteres auf dem Weltmarkt abgesetzt werden können.

Der zweite Punkt ist die verstärkte Nutzung moderner Technologie, um die Pflanzenschutz- und Düngungseffizienz zu erhöhen. Beispiele sind eine weitere Verbesserung der Aussaat und mehr Präzision, um auch eine größere Stickstoffeffizienz zu erhalten, eine exaktere Tiefenablage, Einzelkornsaat und eine Verbesserung der Aussaatbedingungen durch engere Aussaatfenster. Wenn zum optimalen Zeitpunkt ausgesät wird, hat man auch eine gute Nährstoffeffizienz. Unter dem Strich heißt das also noch mehr Präzision bei Bodenbearbeitung und Aussaat durch eine Standraumverbesserung und Terminoptimierung.

Precision Farming ist auf unserem Betrieb heute schon Standard, genauso wie die Nutzung geodifferenzierter Düngung. Diese nutzen wir schon online, teils über einen Stickstoffsensor, oder offline über Anwendungskarten. Wir nutzen auch die Kontaktdüngung, bei der die Nährstoffe bei der Aussaat kornnah platziert werden. Wenn das Korn dann von Samen- auf Wurzelernährung umstellt, hat es die Nährstoffe sofort zur Verfügung.

 

Unter den sich rasant ändernden Bedingungen stellt sich für manchen Landwirt die Grundsatzfrage nach dem Weitermachen oder Aufhören. Wie müssen Landwirte heute Weichen stellen, um auch in Zukunft noch Ackerbau betreiben zu können?

Die Landwirte sollten ein intensives Benchmark nutzen und ihre relative Stellung im Vergleich zu anderen Betrieben bewerten. Man muss wissen, wo man steht, wenn man die Zukunft meistern will. Dazu muss man die Ergebnisse der letzten Jahre heranziehen und nüchtern feststellen, wie man im Vergleich zu den Nachbarn steht. Viele und tüchtige Nachbarn bedeuten einen Standortnachteil, denn wo die Konkurrenz groß ist und es viele gute Unternehmer gibt, sind die Faktorkosten hoch und man hat schlechte Expansionsmöglichkeiten.

Das Nächste wäre als Betriebsleiter eine kritische Eigenanalyse zu betreiben und zu prüfen, wie gut man in der Vergangenheit mit den Rahmenbedingungen zurechtgekommen ist. Wenn immer kompliziertere Produktionstechnik eingesetzt wird und es weniger Standardisierung gibt, muss man sich fragen, ob man dem als Betriebsleiter noch gewachsen ist.

Wichtig ist auch eine Standortanalyse mit Blick auf Boden, Feldstruktur und den erzielten Resultaten. Ist ein Verbleib im Vollerwerb noch möglich? Ist der Betrieb zu klein, besteht vielleicht die Möglichkeit, durch Zupacht und in bestimmten Regionen durch Veredelung zu wachsen. Bei solchen Bewertungen kommt man häufig schnell zum Ergebnis, dass nur derjenige zukünftig wachsen kann, der in der Vergangenheit schon überdurchschnittliche Ergebnisse erreicht hat. Es gibt viel zu wenige kritische Analysen über sich selbst. Zu häufig wird den Rahmenbedingungen die Schuld gegeben. 

Schließlich bleibt aus meiner Sicht noch die Frage, ob Landwirte, die im Vollerwerb bleiben wollen, aber in Deutschland keine Chancen zum Wachsen haben, nicht besser auswandern? In Osteuropa, Russland und der Ukraine gibt es ein Defizit an tüchtigen Unternehmern.

 

Wann wäre aus Ihrer Sicht der Punkt erreicht, bei dem ein Aufhören die bessere wirtschaftliche Entscheidung für Ackerbauern wäre?

Wurden unter den Bedingungen der Vergangenheit unterdurchschnittliche Ergebnisse im Vergleich zu Nachbarn erzielt, ist ein Verbleiben im Vollerwerb unvernünftig. Dann ist es sinnvoller, zu verpachten oder in den Nebenerwerb zu gehen. Der Nebenerwerb kann dabei auch eine stabile Übergangsform sein, bei der man sinnvoll Restkapazitäten nutzen kann.

 

Zur Person

Deert Rieve bewirtschaftet in Prohn (Mecklenburg-Vorpommern) einen Ackerbaubetrieb mit 3.800 Hektar Ackerfläche sowie einen Milchviehbetrieb mit 550 Kühen und 300 Hektar Grünland.