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Weitermachen oder aufhören - Sich ändernde „Spielregeln“ und deren wirtschaftliche Konsequenzen

Die Agrarproduktion war in den zurückliegenden Jahren mit zahlreichen Veränderungen der Rahmenbedingungen konfrontiert. Die EU-Agrarpolitik wurde mehrfach reformiert und dabei von der Preisstützung zu Direktzahlungen und zur Bezahlung für gesellschaftlich erwünschte Leistungen weiterentwickelt. Außerdem wurden nationale Regelungen (mit oder ohne EU-Veranlassung) für einen verbesserten Umweltschutz wie z.B. das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG; anreizorientiert) und die neue Düngeverordnung (ordnungsrechtlich) neu eingeführt oder angepasst. Neben diesen eher abrupten Veränderungen der Rahmenbedingungen ist aber bspw. auch „kontinuierlicher“ Klimawandel, technischer Fortschritt und der Wegfall derzeit noch zugelassener Pflanzenschutzmittelwirkstoffe relevant.                                                                                                          

Sieht man sich die Entwicklung der (nicht inflationsbereinigten) Gewinne landwirtschaftlicher Betriebe im Zeitablauf an, kann man einen leichten Anstieg feststellen (siehe Abbildung). Die Veränderungen in den Rahmenbedingungen der vergangenen Jahre bedeuten also nicht das „Aus“ für die Landwirtschaft. Zum einen waren aus einzelbetrieblicher Sicht nicht alle Entwicklungen negativ (z.B. Einführung EEG). Zum anderen haben sich Landwirte an veränderte Rahmenbedingungen entsprechend angepasst. Allerdings wird auch deutlich, dass die Einkommensschwankungen in der Landwirtschaft zugenommen haben.


Die mittlere Flächenausstattung landwirtschaftlicher Unternehmen hat sich in den zurückliegenden 20 Jahren in etwa verdoppelt. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die Entwicklung der mittleren Stallplatzanzahl o.ä. betrachtet. Zumindest das Betriebsflächenwachstum ist nur dann möglich, wenn andere Betriebe schrumpfen oder sogar aufhören. Damit sind „Weitermachen“ und „Aufhören“ untrennbar miteinander verbunden.


Im ersten Teil des Vortragstitels wird gefragt „Weitermachen oder aufhören?“ Man sollte mit der Agrarproduktion aufhören, wenn die Opportunitätskosten nicht gedeckt sind, d.h. bei außerbetrieblicher Verwertung von Boden, Arbeit und Kapital ein höherer Rückfluss erzielt werden kann. Das „Aufhören“ ist ein eigener und schwieriger Entscheidungsbereich: Man kann schnell oder langsam aufhören, man kann den Betrieb verkaufen oder an die nächste Genration übergeben usw. Für Agrarmanager von heute und morgen ist die Frage des Weitermachens besonders relevant. Man sollte (eher) weitermachen, wenn man eine gute ökonomische Ausgangsposition hat und auch weitermachen möchte. Weitermachen ist oftmals mit Unternehmenswachstum verbunden. Weiteres Wachstum durch eine „höhere Konzentration“ (z.B. viele Schweine an einem Ort oder viel Bodenvermögen in einer Hand) wird gesellschaftlich kritisch gesehen, da es vielfach nur auf Kosten hoher negativer Externalitäten möglich ist und nicht zu den Erwartungen der Gesellschaft passt. Aber groß muss nicht zwangsläufig hohe Konzentration bedeuten! Räumliche, horizontale und/oder vertikale Diversifizierung bieten Investitions- und Wachstumschancen.


Im zweiten Teil des Vortragstitels steht „Sich ändernde Spielregeln und deren wirtschaftliche Konsequenzen“. Dies bedeutet auf der einen Seite, dass die Unternehmen permanent nach Möglichkeiten suchen müssen, die Betriebsorganisation zu verbessern und mehr aus den genutzten Ressourcen herauszuholen. Dazu gehört auch die Übernahme von technischem Fortschritt wie die Früherkennung durch Digitalisierung z.B. zur Einsparung von Pflanzenschutzmitteln und zum Schutz der Umwelt. Auf der anderen Seite haben die Landwirte ihren Weg ggf. schon gefunden, weil sie Dinge machen, die sie früher nicht gemacht haben. So sind über die letzten Jahrzehnte vielfältige Veränderungen in den „klassischen“ landwirtschaftlichen Betätigungsfeldern zu beobachten. Außerdem wurde die landwirtschaftliche Produktpalette erweitert, so dass man heute z.B. auf vielen Stalldächern eine Photovoltaikanlage findet.


Die Landwirtschaft hat sich in der Vergangenheit immer an neue Rahmenbedingungen angepasst bzw. anpassen müssen; das wird in Zukunft nicht anders sein. Und dabei sind Landwirte in einzelnen Regionen/Bundesländern massiv unterschiedliche Wege gegangen. Und dann ist die Frage, ob die Bedingungen hinreichend ähnlich sind, so dass das, was andere erfolgreich getestet haben, auch für das eigene Unternehmen passen könnte. Hier ist auch die Wissenschaft gefordert, die mehr komparative Analysen zur Überprüfung der Übertragbarkeit verschiedener Innovationen durchführen muss.

Der Autor: Prof. Dr. Oliver Mußhoff leitet den Arbeitsbereich Landwirtschaftliche Betriebslehre des Departments für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen. Er promovierte und habilitierte im Bereich Agrarökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsinteressen umfassen quantitative Planungsmethoden, das Management von Klimarisiken, landwirtschaftliche Bodenmärkte und die experimentelle Analyse des unternehmerischen Entscheidungsverhaltens.