Skip to main content

Digitalisierung der Landwirtschaft

Ein Kommentar von Benedikt Bösel über die Auswirkungen von Plattformen

 

Was ist eine Plattform? Eine Plattform zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich zwischen bestehende Geschäftsverbindungen drängt. Viele dieser Plattformen sind beziehungsweise waren Startups. Denken Sie an Uber: Früher haben Sie sich ein Taxi bestellt und der oder die Fahrerin hat Sie gegen Bezahlung zu Ihrem Ziel gefahren. Mit Uber nehmen Sie Ihr Smartphone heraus, rufen sich ein Uber, der Fahrer oder die Fahrerin holt Sie ab und bringt Sie zu Ihrem Standort, Sie bezahlen Uber, Uber bezahlt den Fahrer oder die Fahrerin.

Da Uber weder Fahrzeuge unterhält, noch Fahrer fest angestellt sind, hat Uber sehr geringe Kapitalkosten, weil sie die Dienstleistungen nicht selbst erbringen. Nicht umsonst sind einige der wertvollsten Unternehmen der Welt Plattformen. Amazon, Ebay, Alibaba, Apple (sie produzieren die Telefone nicht!), Facebook seien nur beispielhaft genannt.

Wie schaffen diese Plattformen diese Veränderungen mitunter ganzer Industriezweige? 


1. Technologie ist wichtig und notwendige Voraussetzung, aber nicht ausschließlich. Dazu kommt eine gewisse Marktpsychologie. Ziel ist es, eine möglichst große Anzahl von Interessenten mit einem möglichst großen Angebot in kurzer Zeit anzuziehen und entsprechend zu binden.

2. Plattformen ermöglichen oft einen einfachen Zugang; insbesondere für den Verbraucher/Kunden so günstig und bequem wie möglich.

3. Der Wert dieser Plattform-Unternehmen wird in der Regel durch die Anzahl ihrer Kunden definiert. Wer Kunden hat, hat den Marktzugang und damit die Verhandlungsmacht in Händen. Diesen Marktzutritt müssen meistens die Lieferanten teuer bezahlen, insofern verlagert sich ein großer Teil der Marge vom Lieferanten zum Plattform-Anbieter.

4. Netzwerkeffekte spielen eine große Rolle: Weil meine Freunde und/oder Kollegen gewisse Plattformen nutzen, nutze ich sie auch. Denken Sie beispielsweise an Facebook.

 

In der Landwirtschaft muss man grundsätzlich erstmal unterscheiden: Plattformen, bei denen Unternehmen geschäftlich verbunden sind (Industrie/Agrarhandel – Landwirt) und solchen, bei denen Unternehmen mit Endkunden in Geschäftsbeziehung stehen (Landwirt – Verbraucher).

Aus Sicht des Landwirts ergeben sich durchaus große Chancen, durch mehr Transparenz und weniger Aufwand und Zeiteinsatz zu besseren Preisen einzukaufen zum Beispiel beim Betriebsmitteleinkauf (vgl. das Startup „Agrando“). Darüber hinaus könnte die Geschwindigkeit dieser Prozesse viel schneller werden, da ein Lieferant alle Maschinendaten vorrätig haben könnte und beispielseise zur Erntezeit Ersatzteile bereits vorbestellt hat weil der Algorithmus bereits absehen konnte, das ein gewisses Teil bald ausgetauscht werden muss (Vorausschauende Wartung). Gleichzeitig muss man aber im Auge behalten, dass der Landwirt der Herr seiner Daten bleibt, um Abhängigkeiten und die wirtschaftliche Einflussnahme durch Lieferanten und Kunden zu vermeiden.

Ein großes Potential entsteht für uns Landwirte in Plattformen, die es ermöglichen, eine breite Palette unserer Produkte an den Endkunden abzusetzen. Wenn der Endkunde über eine solche Plattform die gesamten Produktionsabläufe transparent nachvollziehen kann und weiß, wo seine Produkte herkommen, wird er bereit sein einen höheren Preis zu zahlen.

Plattformen können auch Wegbereiter von Innovation sein indem sie innovative Produkte oder Technologien von anderen Anbietern dem Landwirt über die Plattform verfügbar machen. 365FarmNet sowie NEXT Farming seien hier als Beispiel genannt, die neben automatisierter Dokumentation und Management Software auch verschiedene innovative Applikationen anbieten.

Ein großes Potential von Plattformen ist schließlich die überbordende Bürokratie, Dokumentationspflichten und sonstige Hemmnisse für unseren Berufsstand erträglicher zu machen.

Dennoch ist es in der Landwirtschaft auch oft nicht ganz so einfach. Landwirte oder landwirtschaftliche Betriebe sind oft äußerst heterogen und haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen. Dadurch stellen Sie in der Regel nicht wirklich einen einzelnen, großen Markt dar. Darüber hinaus sind die Regeln und Vorschriften (zum Beispiel DVO) in Deutschland von Bundesland zu Bundesland oft unterschiedlich und erhöhen die Komplexität eines einzigen Angebots, das den Bedürfnissen vieler gerecht werden soll. Hinzu kommt, dass insbesondere Service und Logistik (just-in-time Belieferung) eine weitere Stufe der Komplexität darstellt.

Für traditionelle Unternehmen birgt dies dennoch große Gefahren. Insbesondere wenn Ineffizienzen bestehen. Startups sind oft in der Lage diese Ineffizienz auszumachen und flexibel auf sich ändernde Anforderungen zu reagieren.

 

Warum scheinen traditionelle Unternehmen, selbst als Marktführer, scheinbar hilflos mit dieser Transformation umzugehen?

Ganz einfach, weil diese Unternehmen zu viel zu verlieren haben und niemand dafür gefeiert wird, vermeintlich erfolgreiche Geschäftsmodelle in Frage zu stellen. Das heißt, diese disruptiven Entwicklungen kommen fast nie aus den Unternehmen selbst. Eine der Lösungen könnte sein, in Startups - die potentiell eine Gefahr für das traditionelle Geschäft darstellen - zu investieren. Investition in auf Agrartechnologie-spezialisierte Risikokapitalgeber oder direkt in AgTech (Agrartechnologie) Startups als ausgelagerte F&E-Ausgaben!

Im internationalen Vergleich, haben die deutschen Agrarunternehmen - mit Ausnahme einiger weniger - mögliche Entwicklungen nicht gesehen, oder gesehen, aber nicht reagieren wollen. Insofern sind Investitionen in AgTech Startups noch zu selten und Risikokapital steht nicht ausreichend zur Verfügung. Gut, dass nun langsam immer mehr Bewegung in diesen Bereich kommt. Eine ähnliche Untätigkeit gilt für die Bundesregierung, die bisher nicht wirklich Investitionen in AgTech-Startups angestoßen oder Regelungen in Bezug auf Venture-Investitionen sowie die Entwicklung und Lizenzierung innovativer Produkte geändert hat. Dies hat zur Folge, dass wir im internationalen Vergleich weiter an Boden verlieren.

Bestrebungen staatliche Fördermittel in einzelne Plattformen zu investieren, sollten jedoch kritisch hinterfragt werden. Landwirte würden zunehmend Vertrauen verlieren. Eine staatliche Plattform, finanziert von Steuergeldern würde den privatwirtschaftlichen Wettbewerb beenden und den landwirtschaftlichen Innovationsraum in Deutschland weiter belasten. Stattdessen sollte die Politik mit der Privatwirtschaft konstruktiv und zielorientiert zusammenarbeiten. 

Dabei sollte sich die Bundesregierung darauf konzentrieren:

1. Schnelles Internet in den ländlichen Räumen bereitzustellen,

2. Bildung & Beratung zu verbessern und auszuweiten, und vor allem

3. Qualitätsmanagement von digitalen Produkten durchzuführen (insbesondere bei dem Thema der Datenspeicherung und der Definition von Standardschnittstellen und -formaten). 

 

Plattformen werden auch vor der Landwirtschaft nicht haltmachen und sie werden mitunter erhebliche Veränderungen mit sich bringen. Ein Weg sich darauf einzustellen könnte sein, den eigenen Betrieb als eine Art physische Plattform zu verstehen und Startups oder der Wissenschaft die Möglichkeit geben innovative Produkte und neue Ansätze im kleinen Umfang in der Praxis zu testen. Startups könnten so die Bedarfe der Praxis erfahren und Landwirte haben durch den Kontakt und den Austausch die Chance sich mit neuen Entwicklungen auseinander zu setzen, ohne dabei zu großes Risiko einzugehen.

Bei Veränderungen gibt es immer Chancen: Stellen Sie sich eine Plattform vor, die einen Landwirt für den Aufbau von Humus beziehungsweise die Speicherung von CO2 im Boden bezahlt. Nicht nur der Boden, das Ökosystem, der Lebensraum sowie die Widerstandsfähigkeit des Betriebes werden zunehmen. Die Landwirte würden auch für das belohnt, was sie seit Jahrhunderten erfolgreich tun: die Produktion von Nahrungsmitteln sicherstellen und Hirte & Bewahrer unseres Landes sein.