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Eine Generation, die weiß, was sie isst

Beitrag von Ulrike Päffgen ist Lehrerin und Gründerin der GemüseAckerdemie

Mein Name ist Ulrike Päffgen und ich bin Lehrerin für Biologie und Kunst der Sekundarstufe I. Während meiner Lehrertätigkeit habe ich zusätzlich ein Masterstudiengang für Agrarmanagement absolviert. Aufgewachsen bin ich auf dem landwirtschaftlichen Betrieb meiner Eltern und bewirtschafte nun gemeinsam mit meinem Mann einen Ackerbaubetrieb im Rheinland.

Die Leidenschaft am Unterrichten und an landwirtschaftlichen Themen führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen:

●        Wertschätzung der Schüler für Natur und Lebensmittel,

●        bewusstes, nachhaltiges Konsumverhalten der Schüler,

●        Verständnis der Schüler für die Lebensmittelproduktion und landwirtschaftliche Zusammenhänge.

Entfremdung von Lebensmitteln findet statt

Betrachtet man die Kernlehrpläne der Schulen, wird deutlich, dass die Verankerung von Naturerfahrungsräumen und landwirtschaftlichen Themen größtenteils fehlt. Dies äußert sich in mangelnder Wertschätzung von Lebensmitteln und führt zu unserer hemmungslosen Wegwerfgesellschaft (30 bis 40 Prozent aller Lebensmittel werden in Deutschland weggeworfen). Quelle: Studie des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) (2012): Lebensmittelabfälle in Deutschland, durchgeführt von der Universität Stuttgart. Die Lebensmittelverschwendung hat auch aus globaler Sicht gewaltige Auswirkungen auf den Klimawandel. Nach einer Studie vom Potsdam-Institut für Klimafolgenfoschung führt die landwirtschaftliche Überproduktion bis 2050 zu einem drei- bis vierfachen Anstieg der landwirtschaftlich verursachten CO2-Emissionen. Mit der Entfremdung der Gesellschaft von der landwirtschaftlichen Produktion verschärfen sich auch negative Auswirkungen auf Esskultur und Gesundheit. Die Anzahl der Kinder, die bereits in frühem Alter an Übergewicht leiden, steigt kontinuierlich an und beträgt in Deutschland etwa 20 %. Quelle: Alliance Health Care Deutschland AG, (2012): Übergewicht- jedes fünfte Kind in Deutschland ist zu dick. http://www.gesundheit.de/ernaehrung/essstoerungen/hintergrund/uebergewicht-jedes-fuenfte-kind-in-deutschland-ist-zu-dick

Nur selten haben Kinder und Jugendliche heutzutage die Möglichkeit, Natur und die natürliche Produktion von Lebensmitteln zu erkunden, zu erleben und vor allem zu verstehen. Naturerfahrungsräume verschwinden aus dem Lebensumfeld und landwirtschaftliche Prozesse werden zunehmend industrialisiert. Durch die Beschleunigung und Leistungsorientierung des gesellschaftlichen Lebens und die voranschreitende Urbanisierung verlieren Kinder und Jugendliche zunehmend den Zugang zur Natur, der natürlichen Lebensmittelproduktion und deren Zusammenhängen. Es gibt immer weniger landwirtschaftliche Betriebe in der direkten Umgebung und auch der Gemüsegarten hinterm Haus bei den Großeltern verschwindet.

Eine entscheidende Antwort auf das gesellschaftliche Problem der Lebensmittelverschwendung liegt in Bildungsprozessen. Mit diesem Hintergrund habe ich gemeinsam mit meinem Bruder Dr. Christoph Schmitz im Jahr 2013 die GemüseAckerdemie, ein ganzjähriges Bildungsprogramm für Schulen und Kitas, gegründet.

Schüler durchlaufen gesamtes Ackerjahr

Während des Bildungsprogramms durchlaufen die Schüler ein gesamtes Ackerjahr mit Bodenpflege und -vorbereitung, Gemüseanbau und -pflege sowie Ernte und Vermarktung. Unterstützt werden die Schulen durch organisatorische Maßnahmen wie Anbau-Fruchtfolgeplanung, Bestellung von Saatgut und Jungpflanzen, persönliche Betreuung der Lehrperson mit Ackerinfos, Vor-Ort-Besuchen und Beratung sowie einem Curriculum mit 20 ausgearbeiteten Bildungsbausteinen und Lehrerfortbildungen. Zusätzlich wird organisationale Unterstützung bei der Vermarktung des Gemüses, der Ferienbetreuung und Beantragung von Finanzmitteln angeboten.

Zwei Anekdoten aus den Ackerstunden spiegeln Erfahrungen wider, die die Jugendlichen bei der GemüseAckerdemie gemacht haben. Ein Mädchen aus der 5. Klasse kam während der Tomatenernte zu mir und sagte begeistert: „Ich habe noch nie Tomaten gegessen, die sind ja super lecker.“ Ich antwortete: „Ach, du hast sicher schon einmal Tomaten gegessen. Als Soße auf den Nudeln oder auf der Pizza oder, oder, oder.“ Woraufhin sie antwortete: „Ja, aber noch nie die Runden!“ Ein weiteres schönes Beispiel ist eine Klasse, die nach ihrer Ernte auf dem Acker in einem Supermarkt war. Die Jugendlichen sollten zuvor ihrem Gemüse einen Preis geben. Nachdem sie die Preise im Supermarkt gesehen haben, waren sie entsetzt und aufgebracht. Sie sagten zu der Lehrerin, dass das Gemüse doch unverschämt billig wäre. Die Arbeit, die man reinsteckt und die lange Zeit, die es zum Wachsen benötigt – da würde man ja gar nichts verdienen.

Auch wenn die Landwirtschaft ein weites Feld ist, haben die teilnehmenden Schüler das Wichtigste verstanden, nämlich dass es viel Arbeit und Zeit kostet, Lebensmittel (Gemüse) anzubauen, diese dann zu pflegen und zu ernten und anschließend zu vermarkten. Die Wertschätzung gegenüber der Arbeit und den Lebensmitteln ist der größte Erfolg!

Die Lehrer berichten immer wieder, dass sie selber stark von der GemüseAckerdemie profitieren und genau wie die Schüler dazulernen. Jeder motivierte Lehrer kann an diesem Programm teilnehmen. Es werden keine Vorkenntnisse benötigt und man muss auch kein Biologielehrer dafür sein. Die Lehrer werden von dem Team der GemüseAckerdemie so ausreichend und individuell informiert und betreut, dass sie sich nicht zusätzlich fortbilden müssen.

Teilnehmerzahlen belegen Erfolg

Wie gut dieses Programm angenommen wird, zeigen die steigenden Zahlen der teilnehmenden Lernorte. Seit dem Pilotjahr 2013 haben mehr als 35.000 Jugendliche und Kinder an der GemüseAckerdemie teilgenommen. Aktuell ackern rund 20.000 Kinder und Jugendliche an 475 Lernorten. Die Wirkung des nachhaltigen Bildungsprogramms wird jedes Jahr erneut in einem Wirkungsbericht analysiert und festgehalten. Dafür erntete die GemüseAckerdemie bereits viel Anerkennung im öffentlichen und privaten Sektor in Form von Preisen, Auszeichnungen und persönlichen Ehrungen.

Unsere Vision ist eine Integration der gesamten Thematik in die Lehrpläne sämtlicher Bildungseinrichtungen, um langfristige Erfolge zu erzielen und eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel zu erreichen. Für eine Generation, die weiß, was sie isst!