Skip to main content

Frauen im Unternehmen müssen eine Selbstverständlichkeit werden

Interview mit der Unternehmerin Nicola Lemken über Frauen im Agribusiness

Sehr geehrte Frau Lemken, Sie sind Mitglied der Geschäftsleitung eines großen Agrartechnikunternehmens. Wie sind Ihre Erfahrungen als Frau im männerdominierten Agribusiness?

Da ich meinen Job schon lange mache und schon in meiner Ausbildung mehr mit Männern zu tun hatte, bin ich an diese Situation gewöhnt und bin mir der Sonderrolle gar nicht mehr bewusst. Ich komme im Agribusiness gut zurecht und finde die Landtechnik hochspannend. Mit Männern kann man sehr gut zusammenarbeiten, wobei es natürlich schön wäre, wenn es mehr Abwechslung gäbe. Natürlich hat es immer wieder mal Überraschungseffekte gegeben, die genutzt haben.

Wo sehen Sie die Vorteile von mehr weiblichem Mindset in den Managementstrategien des Agribusiness?

Der weibliche Anteil in der Gesellschaft liegt bei 50 Prozent. Warum sollte er dann in der Arbeitswelt anders sein? Ich denke, dass es in allen Bereichen sinnvoll ist, wenn Themen und Entscheidungen aus männlicher und aus weiblicher Sicht beleuchtet werden können.

Wir müssen auch berücksichtigen, dass unser Umfeld sich wandelt. Als Unternehmen will man nicht stehen bleiben, sondern sich modern und offen zeigen und attraktiv für junge Talente sein. In der Landwirtschaft ist es auch so, Frauen entscheiden mit. Dann wäre es gut, wenn wir dies im Unternehmen widerspiegeln.

Wo sehen Sie Vorteile einer ausgeglichenen Managementebene für die Erreichung eines nachhaltigen ökologischen Wandels im Agribusiness und sozialer Gerechtigkeit?

Mit dieser Frage tue ich mich ein bisschen schwer. Das würde ja implizit bedeuten, dass Frauen mehr an Ökologie oder soziale Gerechtigkeit denken würden als Männer. Das kann ich so nicht gelten lassen. Die beiden Themen sind weder frauen- noch männerspezifisch.

Als Familienunternehmerin denke ich automatisch mehr an Nachhaltigkeit und muss Entscheidungen treffen, die in der Zukunft noch richtig sind. Ich will gute Arbeitsplätze schaffen und in unserem Umfeld sozial und ökologisch verantwortlich handeln. Wir haben uns als Familienunternehmen auf einen sehr nachhaltigen Weg begeben und sind schon quasi CO2-neutral an unserem Standort.

Generell ist es wichtig, Vielfalt im Unternehmen abzubilden, und dazu gehört es, weibliche und männliche Arbeitskräfte, junge und ältere zu integrieren. Dann bekomme ich ausgewogene Entscheidungen und ebenso ein bewegliches, wandlungsfähiges Unternehmen.

Welche Strategie verfolgen Sie im eigenen Unternehmen, um das Ziel „Mehr Frauen in die erste Reihe“ zu erreichen?

Wir brauchen an den verschiedensten Stellen grundsätzlich mehr Frauen, die von unten nach oben hochwachsen können. Das betrifft vor allem die Produktion oder die Entwicklungsabteilung, wo es schwierig ist, Frauen zu finden, die die dortigen Themen abdecken. Im Vordergrund steht immer eine bestmögliche Stellenbesetzung. Wir können nicht grundsätzlich die Frauen bevorzugen, sondern suchen natürlich die Person, die die richtige Qualifikation und Persönlichkeit mitbringt. Wir wollen auch keine Männer benachteiligen. Zum Glück haben wir schon einige tolle Frauen zum Beispiel im Produktmanagement, in der Konstruktion oder in der Montage. Diese bereiten sozusagen den Weg und ziehen dann leichter andere Frauen nach. Dann wird die Zusammenarbeit irgendwann zu einer Selbstverständlichkeit.

Nützlich ist es, die passenden Strukturen zu schaffen, manchmal sind es Kleinigkeiten. Wir haben beispielsweise vor Jahren ein Sozialgebäude mit Umkleide- und Waschräumen gebaut, als wir noch keine Frauen im gewerblichen Bereich hatten. Dabei wollte ich, dass wir trotzdem Sozialräume für Frauen berücksichtigen. Als sich dann die erste junge Frau für die gewerbliche Ausbildung bei uns beworben hat, waren für sie die Sozialräume mit ausschlaggebend für ihre Bewerbung, nachdem sie in der lokalen Zeitung darüber gelesen hatte. Zwischenzeitlich haben wir fast zehn junge Frauen bei uns gewerblich ausgebildet. Die Ausbilder und späteren Kollegen berichten über diese „Umstellung“ sehr positiv, also der Wandel funktioniert für alle gut.

Wo sehen Sie Hemmnisse auf dem Weg?

Ein Hemmnis gibt es bei uns natürlich dort, wo schwere körperliche Arbeiten stattfinden, wie zum Beispiel in der Schmiede. Das ist eine Einschränkung, die Frauen haben. Das Zweite ist die Vereinbarkeit von Job und Familie, weil sie eben häufig noch das Zuhause bewältigen müssen.

Wir wollen auf allen Führungsebenen offen sein dafür, dass Frauen dazugehören, dass ihre Meinung zählt, dass sie gefördert und ermutigt werden. Manchmal braucht man mehr Zeit, sie davon zu überzeugen, eine tragende Rolle zu übernehmen. Vor allem für Mütter sind darüber hinaus flexible Arbeitszeiten ein wichtiges Thema – Beispiel Teilzeitarbeit oder Homeoffice. Hier bieten wir viele Möglichkeiten an und wollen erreichen, dass auch bei reduzierter Arbeitszeit interessante und herausfordernde Aufgaben möglich sind.

Was ist Ihre Empfehlung an die Beteiligten (Politik, Unternehmen, Frauen)?

Die Politik kann uns hier weniger helfen. Ich bin kein Fan von Quoten, weil dann Frauen eher mit Zwang befördert werden, die dann zu schnell und unter Druck reinwachsen müssen.

Und die Frauen müssen mutig und selbstbewusst sein. Das fängt schon bei den Mädchen an, die gefördert werden sollten. Um ihnen die Scheu vor der Technik zu nehmen, veranstalten wir wieder einen Girls´ Day. Wir gehen aber auch an Schulen und sprechen mit den Klassen, bei denen es um die Berufswahl geht, damit Mädchen mal auf andere Ideen kommen, zum Beispiel in den technischen Bereich einzusteigen.