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Hohe Standards, steigende Kosten – was sind die Zukunftsmärkte für Deutschlands Agrarunternehmer?

Beitrag von Prof. Dr. Harald Grethe, Humboldt-Universität zu Berlin

Bei Zukunftsmärkten denken wir vor allem an die Produktmärkte für agrarische Rohstoffe und die zukünftigen Preisentwicklungen auf diesen Märkten. Für Deutschlands Agrarunternehmerinnen und Agrarunternehmer sind für viele Produkte schon heute, und für andere zunehmend, die Weltmarktpreise als Ausdruck globaler Knappheiten die zentrale Determinante inländischer Preisentwicklungen. Internationale Organisationen, die mittelfristige Preisprojektionen für diese Märkte erarbeiten, kommen zu dem Schluss, dass die Realpreisentwicklung im kommenden Jahrzehnt leicht fallend sein wird, der Trend aber gegenüber den letzten Jahrzehnten abflacht.

Aber nur für einen Teil der Produkte sind die globalisierten Rohstoffmärkte der zentrale Absatzmarkt. Die sogenannten „Qualitätsnischen“, in denen hohe Produkt- und teilweise auch Prozessqualitäten einen Preisaufschlag, teilweise auch eine Loslösung von der Preisbewegung für Standardware realisieren, wachsen.

Ein weiterer Markt, der von Agrarunternehmerinnen und Agrarunternehmen sehr unterschiedlich bewertet und angenommen wird, ist die Produktion von Gemeinwohlleistungen, die anderen Honorierungsmechanismen unterliegt, als die Nahrungsmittelproduktion. Z.B die Honorierung von Leistungen durch Naturschutzprämien, oder Tierwohlprämien, die staatlich oder privat gezahlt werden können. Dieses Thema löst oft den reflexhaften Ruf aus: „Wir sind doch keine Landschaftspfleger. Wir sind Unternehmerinnen und Unternehmer und wollen produzieren!“ Aber unternehmerische Produktion orientiert sich an der Nachfrage, und die Nachfrage nach Gemeinwohlleistungen in Deutschland steigt. Die Anforderungen an Umwelt-, Klima- und Tierschutz werden auch weiter steigen, die Frage ist nur, wie diese Anforderungen zum Ausdruck gebracht werden: Vorrangig ordnungsrechtlich („erzwungen“), oder begleitet durch Förderpolitik/Honorierungssysteme?

Es handelt sich bei den potentiellen Märkten für Gemeinwohlleistungen der Landwirtschaft nicht um Peanuts: Schaut man nur wenige Jahre voraus, können sich Größenordnung von bis zu 15 Mrd. € für Deutschland ergeben. Rechnet man die Chance hinzu, einen Teil der Produkte, die in Produktionssystemen unter Honorierung von Gemeinwohlleistungen produziert wurden mit einem Preisaufschlag am Markt zu verkaufen, ergeben sich schnell 30-35% des heutigen Produktionswerts der deutschen Landwirtschaft von etwa 55 Mrd. €. Auch das sind Zukunftsmärkte für Deutschlands Agrarunternehmerinnen und -unternehmer, die gegenüber den Nahrungsmittelmärkten auch Vorteile haben: Sie sind weniger preisvolatil und in vielen Fällen können sie aus dem Sektor heraus wesentlich stärker mitgestaltet werden.

Dieser Vortrag widmet sich im weiteren Verlauf einigen zentralen Herausforderungen bei der Gestaltung dieser Märkte: 

Der gesellschaftliche Aushandlungsprozess zu der Frage, was in die Kategorie Gemeinwohlleistungen fällt, muss intensiviert werden.

  • Umwelt-, Klima- und Tierschutzleistungen haben wir konzeptionell schon recht gut erfasst, und im Falle des Umweltschutzes auch schon gesetzliche und konkrete politische Ziele festgelegt. Aber was ist eigentlich mit den sogenannten „sozialen Leistungen“ der Landwirtschaft? „Small is beautiful“ ist ein weit verbreitetes Credo und letztendlich ist es Grundlage für Konzepte wie erste Hektare, Degression und Kappung. Aber das „small“ grundsätzlich „beautiful“ und groß demzufolge „ugly“ sei, überzeugt bei genauerem Hinschauen nicht. Wir sind gefordert, sehr viel stärker zu konzeptualisieren, welche „sozio-ökonomischen“ und welche „sozio-kulturellen“ Leistungen landwirtschaftliche Betriebe bereitstellen. Erst daran anschließend ist sinnvoll, darüber nachzudenken, ob und wie diese Leistungen gefördert werden sollten.
  • Warum wird die Definitionsmacht von Gemeinwohlleistungen in den Bereichen Umwelt und Klima eigentlich so stark dem Ökolandbau überlassen, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig die einzige erkennbare Alternative zur Standardware ist? Warum gelingt es der konventionellen Landwirtschaft so wenig, eigene Nachhaltigkeitsansätze zu entwickeln, zu kommunizieren und zu vermarkten? Ist das „Natürlichkeitsparadigma“ in der deutschen Gesellschaft in Bezug auf Nahrungsmittelproduktion wirklich so tief verankert, dass der selbstfahrende, mit Sensorik und zielgenauer Einzelpflanzenapplikation ausgestattete „Pflanzendoktor“ den Kampf um die gesellschaftliche Akzeptanz schon verloren hat?

Umdenken ist gefordert – viele der eingeübten, vordergründigen Gegensätze taugen nicht: Kann man nicht effizient extensivieren? Muss man nicht in Bezug auf knappe Ressourcen sogar intensivieren? Müssen staatliche Zahlungen immer als „leere Subventionen“ betrachtet werden und stehen im Gegensatz zur Wettbewerbsfähigkeit?

Und schließlich ist ein Umbau der Rahmenbedingungen der Landwirtschaft dringend erforderlich.

  • Aller Begrünungsrhetorik zum Trotz: Gegenwärtig verteilen wir noch immer ca. 70% der EU Agrarförderung als Bodeneigentumssubvention ohne konkrete Gemeinwohlziele oder transparent begründete verteilungspolitische Ziele.
  • Dieses Budget schmilzt kontinuierlich dahin und wir verpassen die Chance, es für die Honorierung von Gemeinwohlleistungen zu nutzen. Schließlich steht es auch der Aushandlung der Honorierung weiterer Gemeinwohlleistungen, wie z.B. Tierwohl, im Weg: Man wird zurecht gefragt, ob man denn die Mittel der heutigen Agrarpolitik effizient verwendet, bevor man weitere Mittel fordert. 

Die gegenwärtige Polarisierung der Debatte um die Agrarpolitik, die in gewisser Weise „gegen die Wand gefahren“ ist, ist eigentlich eine gute Ausgangssituation für eine grundsätzliche Neuausrichtung. Politische Trennlinien verschieben sich, etablierte Allianzen tragen nicht mehr wie gewohnt und der Berufsstand positioniert sich heterogener als je zuvor. Das Aussitzen von offensichtlichen Gestaltungsnotwendigkeiten führt dazu, dass Fachpolitik zunehmend zur „Getriebenen“ wird (Glyphosatverbot, Düngerecht) und die Zeit scheint reif für die Frage: Wie wollen wir die Landwirtschaft in Deutschland ausrichten und wie müssen wir die Rahmenbedingungen für den Sektor gestalten, um Zukunftsmärkte für Gemeinwohlleistungen zu entwickeln?

Zur Person

Professor Dr. Harald Grethe ist Leiter des Fachgebietes Internationaler Agrarhandel und Entwicklung an der Humboldt-Universität zu Berlin.