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„Das ganze System muss stimmen“

Interview mit dem Biolandbauer Christoph Müller zum Thema Nährstoffkreisläufe

 

Sehr geehrter Herr Müller, was sind die zentralen Ansatzpunkte für das Nährstoffmanagement in Ihrem Betrieb und welche Nährstoffquellen nutzen Sie?

Charakteristisch für unser Anbaugebiet ist neben dem Hügelland der Buntsandsteinboden mit einer durchschnittlichen Bodenzahl von 57 bei circa 600 mm Regen im Jahr. Hinzu kommt eine ausgeprägte Vorsommertrockenheit. Da wir Wechselböden haben, haben wir vor vier Jahren damit begonnen, Zonenmanagementkarten zu erstellen, um die Düngung entsprechend angleichen zu können. Daneben ziehen wir kontinuierlich Bodenproben, um Aufschluss über Nmin zu bekommen. Auf dieser Basis sowie nach den Vorgaben von Bioland und der neuen Düngeverordnung führen wir die Düngung durch.

Als Dünger verwenden wir unter anderem Grüngutfertigkompost vom Kompostwerk des Landkreises Göttingen, den wir nach Getreide vor Kartoffeln einsetzen. Zusätzlich verfügen wir über eine Mistlagerhalle, die knapp 500 Tonnen Hühnertrockenkot und circa 300 Tonnen Mistkompost für die Düngung unserer Kulturen bei Bedarf fasst. Tretmist erhalten wir von Kooperationspartnern, denen wir Stroh und Erntereste zur Verfügung stellen. Den Mist mischen wir mit Gärresten eines weiteren Kooperationspartners, um die Rotte zu beschleunigen. Uns liegt viel daran, die Bodenlebewesen, Pilze und Bakterien gesund zu ernähren. Sie sollen nicht nur monoton Gärrest oder Hühnertrockenkot bekommen, sondern vielfältig „gefüttert“ werden, damit sie den Nutzpflanzen die Nährstoffe aufschließen können. Ziel ist es, alle fünf Jahre unsere Flächen mit Mistkompost zu düngen, das heißt mit positiven Bakterien zu impfen.

Zwischenfrüchte kommen als Humuslieferant für uns weniger infrage. Hier im Harzvorland kommen wir mit späten Zwischenfrüchten wie Senf und Ölrettich nicht hin. Durch den Klimawandel ernten wir zwar früher, dafür fehlt uns für eine gute Bestandsentwicklung der Zwischenfrüchte auf vielen Flächen das Wasser.

Welche Rolle spielen dabei Fruchtfolge, Tierhaltungs-Kooperationen oder Komposte?

Die Fruchtfolge spielt eine große Rolle. Durch die Betriebserweiterung vor einigen Jahren können wir die deckungsbeitragsguten Kulturen wie Kartoffeln und Möhren noch weiter stellen, was die Düngung etwas vereinfacht. Ein Grundsatz bei uns lautet: Auf eine Winterung folgt eine Sommerung und darauf wieder eine Winterung. Seit zwei Jahren bauen wir zusätzlich Sommergerste sowie Hafer an, der von unseren Kulturen am wenigsten Wasser braucht. Gärrest oder Hühnertrockenkot, gründlich vor der Aussaat eingearbeitet, werden von den Sommerungen am besten genutzt.

Tierhaltungs-Kooperationen nutzen wir, um das Stroh unseres gesamten Getreides und andere Erntereste zu veredeln. Von Rinder- und Pferdehaltern bekommen wir den Tretmist zurück. Darüber hinaus bauen wir für einen Bioland-Milchviehbetrieb Kleegras an und bekommen dafür im Frühjahr den Gärrest von seiner Biogasanlage.

Vom Kompostwerk des Landkreises beziehen wir sauberen, schadstofffreien Grüngutfertigkompost. Der Kompost dient als Phosphor- und Kalilieferant und um die Böden lockerer zu bekommen und ihre Wasserspeicherfähigkeit zu erhöhen. Er trägt auch zur Erhaltung des Humusgehaltes bei, den unsere Hackfrüchte durch die vielen Hack- und Bodenbearbeitungsgänge reduzieren.

Wie wichtig sind ackerbauliche Maßnahmen zur Mobilisierung von Nährstoffen?

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, noch wasserschonender zu arbeiten, denn Wasser ist das Lösemittel und der Transportstoff für die Nährstoffe. Dazu gehört, das Wasser aus den Winterniederschlägen bestmöglich zu halten.

Zum Schutz der Bodenlebewesen bewirtschaften wir unseren Hof seit 15 Jahren pfluglos. Lediglich das Kleegras wird umgebrochen. Bei der pfluglosen Bearbeitung arbeiten wir mit einem Intensivgrubber auf etwa 20 Zentimeter Tiefe. Wir besitzen einen Grubber mit ISOBUS-fähiger Steuerbox, der während der Fahrt stufenlos in der Tiefe verstellbar ist. Über Zonenmanagementkarten versuchen wir zurzeit herauszufinden, auf welchen Böden 15 oder 18 Zentimeter Bearbeitungstiefe ausreichen, um nicht übermäßig stark zu lockern. Denn die Kapillarität nach unten muss erhalten bleiben.

Bei Gemüse, Zuckerrüben und Kartoffeln mobilisieren wir die Nährstoffe durch die Bodenbewegung beim Hacken und der Bodenbearbeitung. Bei Kartoffeln setzen wir auf Flächen mit hohem Phosphorgehalt Gärreste ein sowie Hühnertrockenkot, wo es an Phosphor etwas mangelt. Das sind schnell verfügbare Dünger, fast wie Kunstdünger. Die Kartoffelflächen befahren wir mit einem Traktor mit Reifendruckregelanlage, damit die Pflanzen ein solides Wurzelwerk in einem verdichtungsfreien Boden entwickeln können.

Zwischenfrüchte bauen wir dort an, wo es vom Wasser her möglich ist, um den Humusgehalt zu steigern und den Boden durch Regenwurmaktivität aufzulockern. Das ist nicht nur gut fürs Pflanzenwachstum und die Nährstoffversorgung, sondern auch für die Sauerstoffzufuhr und CO2-Entgasung der Böden.

Wie bewerten Sie die Nährstoffverfügbarkeit für den Ökolandbau heute und in der Zukunft? Welche „neuen“ Nährstoffquellen haben realistisches Potenzial, den Nährstoffbedarf im Biolandbau zu decken?

Der Bioanbau hat sich einen gesunden Nährstoffkreislauf auf die Fahne geschrieben. Das funktioniert in unserer Gesellschaft leider nicht in dem gewünschten Maße, weil wir als Nährstoffexporteur die Nährstoffe über unsere Produkte in die Städte bringen und dort landen sie irgendwann in der Kläranlage, verseucht mit Mikroplastik, Arzneimitteln, Schwermetallen und anderen Stoffen.

Weitere Nährstoffquellen neben den bereits genannten sehe ich für unseren Betrieb momentan nicht. Betrachtet man Zukunftsdünger, wie Wollpellets oder Kleepellets, dann handelt es sich stets um einen Nährstoffexport von irgendwoher nach irgendwohin. Das ist auch nicht optimal.

Wir haben den Kleegrasanbau ausgedehnt, konnten aber die letzten beiden Jahre gerade ausreichend Klee für den Kooperationspartner ernten. Auch das Cut-and-carry-System haben wir schon getestet, bei dem der Klee als Düngemittel auf anderen Flächen unseres Betriebes ausgebracht wird. Der Klee wird dabei siliert und anschließend im Frühjahr gezielt verteilt. Das wird zunehmend für uns eine Rolle spielen.