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„Neuinvestitionen sind kaum mehr möglich“

Interview mit dem Schweinezüchter Carl-Josef Detert über den Agrarstandort Deutschland

Sehr geehrter Herr Detert, wie beurteilen Sie die Agrarstandorte Deutschland, Dänemark oder Rumänien in Bezug auf das wirtschaftliche Umfeld für Landwirte, Anforderungen an Tier-, Umwelt- und Klimaschutz und die Marktorientierung?

In Deutschland wird es für Landwirte immer schwieriger, wirtschaftlich zu arbeiten. Die Diskussionen hinsichtlich Düngeverordnung, Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz setzen uns zu. Hohe Baukosten für Ställe kommen erschwerend hinzu. Bei uns ist es richtig teuer geworden, einen Schweinemaststall zu bauen. Das macht es schwierig, einen angemessenen Return on Invest zu erwirtschaften. Das Schlimmste sind aber die gesellschaftlichen Anforderungen. Man bekommt heutzutage fast keine Genehmigung mehr. Das spiegelt sich in den Beständen wider, die nicht zu-, sondern eher abnehmen. Neuinvestitionen sind kaum mehr möglich.

Es kommt außerdem darauf an, wo man investieren will. Unser Heimatstandort in Westfalen liegt in einer der viehstärksten Regionen Deutschlands. Ich sehe momentan nicht, dass dort eine Tierhaltung weiter wachsen kann. Das gilt auch für den Ackerbau. Das Kaufen und Pachten von Flächen geht aufgrund der hohen Preise dort überhaupt nicht.

In Dänemark haben wir keinen eigenen Betrieb, dafür aber Partnerbetriebe, bei denen wir Zuchtferkel einkaufen und in Deutschland weiterverkaufen. Die Anforderungen an den Tier-, Umwelt- und Klimaschutz sind dort ähnlich hoch wie in Deutschland.

Rumänien ist ein Land, in dem man im Moment noch recht günstig Ackerland kaufen kann. Natürlich gibt es dort andere Probleme, wie etwa die sprachliche Barriere. Umweltschutz wird in Rumänien auch immer mehr ein Thema. Wenn man wie unsere Familie in Generationen denkt, dann wollen wir dort auch umweltgerecht wirtschaften.

Insgesamt ist es in Rumänien noch einfacher, ein Invest zu realisieren und einen Schweinestall zu bauen. Der Selbstversorgungsgrad für Schweinefleisch liegt in dem Land bei rund 30 Prozent. Trotz Schweinepest ist der Preis für Schweinefleisch immer noch besser als in Deutschland. In Rumänien sind wir derzeit nur als Marktfruchterzeuger tätig. In naher Zukunft kann es aber auch dort interessant sein, etwas mit Schweinen zu machen. Wir beobachten die Lage genau.

Welche Entwicklung erwarten Sie für Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern? Bleibt die Agrarwirtschaft in Deutschland wettbewerbsfähig, werden sich die Erzeuger auf die Erzeugung von Produkten mit hohen Standards konzentrieren, während die Produktion von „Standardware“ im Ausland erfolgt?

Es gibt in Deutschland sicherlich eine bestimmte Klientel, die für einen hohen Standard mehr bezahlt. Auf breiter Ebene wird sich dies aber nicht durchsetzen. Viele Verbraucher sagen, dass sie für Produkte mehr ausgeben wollen, die mit einem höheren Standard produziert wurden, aber im Endeffekt tun sie es nicht. Es gibt immer Chancen für bestimmte Branchen und Nischen. Aber in der breiten Masse wird sich in Deutschland hier weniger tun.

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Agrarwirtschaft leidet unter den hohen Auflagen. Man muss nur betrachten, was ein Landwirt heutzutage beim Bau eines neuen Stalles alles einhalten muss. Wenn man anderswo einen Stall bauen kann, ohne einen Luftwäscher zu benötigen, spart man natürlich Kosten und steht im europäischen Wettbewerb besser da.

Die deutsche Politik will eigentlich nicht mehr, dass sich die Landwirtschaft weiter in der Masse steigert. Ich sehe im Moment wenig Chancen, dass man in Deutschland noch wachsen kann. Wir haben zwar erst vor Kurzem wieder einen Stall gekauft, aber das war ein zehn Jahre alter Maststall. Das geht schon noch, gerade in Ostdeutschland. Grundsätzlich sind Neuinvestitionen hierzulande aber eine Herausforderung. In Rumänien bekommt man je nach Standort bis zu 90 Prozent Förderung für einen Schweinestall. Da ist man schnell in der Wirtschaftlichkeitsrechnung woanders.

Ich sehe insgesamt die deutsche Wettbewerbsfähigkeit schon kritisch. Das kann sich natürlich alles noch ändern, aber im Moment ist es so. Ein Vorteil sind aber die gut ausgebildeten Mitarbeiter hier. Der Ausbildungsstandard ist bei uns schon extrem gut.

Wie stellen Sie Ihr Unternehmen auf die unterschiedlichen Bedingungen an den Standorten ein?

Mengenwachstum findet bei uns an anderen Standorten als an unserem Heimatstandort statt. Dort haben wir in den letzten sechs Jahren nicht mehr investiert. Wo die Gülleverwertung schon jetzt 15 bis 18 Euro kostet, dort wächst die Tierhaltung nicht mehr. Wir wollen auch nicht weg, denn es ist schließlich unsere Heimat, aber wir sehen dort im Moment kein wirtschaftliches Wachstum. Wir wachsen in Ostdeutschland, wo wir jetzt drei Standorte haben. Dort sehen wir noch Potenzial, aber dann auch eher durch den Kauf von bestehenden Stallungen und nicht mehr durch Neubau. Bis ein Neubau genehmigt ist, vergehen schnell fünf Jahre.

Hinzu kommt, dass die Politik in meiner Branche der Sauenhaltung noch nicht entschieden hat, wie wir künftig bauen dürfen. Ein Unternehmer muss wissen, wie er bauen kann, um langfristig Investitionssicherheit zu haben. Das steht noch aus. Hier muss die Agrarministerkonferenz endlich entscheiden, wie es weitergeht.

Was den Schwerpunkt High-value-Produkte betrifft, so gibt es schon Betriebe, die das machen. Stichwort: Bio, Tierwohl, Außenklimaställe. Für mich sehe ich langfristig darin keine Chance, weil man dafür komplett in die Vermarktung einsteigen muss. Man muss beispielsweise nur betrachten, wie eng der Markt bei Bioprodukten heutzutage ist. Ich glaube nicht, dass ausreichend viele Verbraucher Geld für solche Produkte ausgeben wollen.

Wo sehen Sie den Agrarstandort Deutschland in 10 bis 15 Jahren?

Wir werden mehr Auflagen bekommen und weniger Wachstum zumindest innerhalb der Tierhaltung haben. Einige Betriebsleiter werden versuchen, hochwertige Produkte zu produzieren, um nicht in das Mengenwachstum zu gehen. Für mich sehe ich darin allerdings keine Option. Für den Standort Deutschland wird dies sicherlich ein Stück weit begrenzt möglich sein, aber nicht im großen Stil.

Man muss abwarten, wie der Verbraucher sich letztlich entscheidet. Meiner Meinung nach sind konventionell produzierte Produkte vollkommen in Ordnung.