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Landwirtschaft im Umbruch!? Was bedeutet das für Ackerbau und Tierhaltung?

Interview mit Prof. Dr. Alfons Balmann (IAMO)

„Landwirtschaft im Umbruch?!“ – Der Titel Ihres Vortrages ist Frage und Appell zugleich. Warum diese Zweideutigkeit?

Dass der Landwirtschaft ein Umbruch bevorsteht, steht außer Frage. Teilweise befindet sie sich bereits mittendrin. Allerdings stehen sich nach wie vor zwei grundsätzlich verschiedene Vorstellungen über einen Umbruch gegenüber. Einerseits sind das Vorstellungen einer agrarisch-ökologischen Agrarwende, andererseits die einer nachhaltigen Intensivierung, die eher industriell ausgerichtet ist. Der erste Ansatz einer agrarischen Vision scheint mir in der öffentlichen Diskussion der populärere zu sein. Allerdings ist er wenig kompatibel mit einer weiter auf Wohlstandssteigerung ausgerichteten, globalisierten und vor allem digitalen Wirtschaft und Gesellschaft und daher insbesondere mit Blick auf agrarstrukturelle Fragen sehr rückwärtsgerichtet. Entsprechend unsicher ist, inwieweit auf absehbare Zeit ein Rahmen für einen erfolgversprechenden Wandel gefunden wird.

Die Extensivierung im Ackerbau in einer produktionstechnischen Gunstlage wird kontrovers diskutiert. Ernährungssicherung vs. Ertragsdegression durch Extensivierung – wie geht das Ausland mit dieser Frage um?

Handlungsbedarf zugunsten des Klima-, Biodiversitäts-, Grundwasser- und Bodenschutzes gibt es fast überall. Die jeweiligen Problemlagen und Diskussionen unterscheiden sich allerdings. Daneben ist zu beachten, dass es außerhalb der EU kaum vergleichbare hohe staatliche Unterstützung und damit einhergehend auch weniger Konflikte um deren Ausrichtung und Verteilung gibt. Innerhalb der EU existiert tendenziell ein Nord-Süd- sowie West-Ost-Gefälle hinsichtlich der Eingriffe. 
Allerdings stellt sich letztlich weniger die Frage, ob Extensivierungsbedarf besteht, als die Frage, ob man effiziente Wege zur Verbindung von Ertrags- und Umweltzielen einschlägt. Optionen umfassen sowohl die Nutzung neuer Züchtungsmethoden und der Digitalisierung als auch eine standortangepasste und koordinierte Verbindung von konventioneller und Bioproduktion, Stilllegung, Strukturelemente etc., wie etwa analog zum sogenannten niederländischen Modell.

Die Tierhaltung steht unter großem Anpassungsdruck – wie schätzen Sie deren Entwicklung (in Deutschland oder Europa?) in den nächsten Jahren ein?

Einerseits haben wir einen externen Anpassungsdruck infolge sich verändernder gesellschaftlicher Erwartungen und Konsumgewohnheiten sowie damit einhergehend Veränderungen in den Wertschöpfungsketten. Daneben haben wir einen internen Anpassungsdruck, weil viele Betriebe ohnehin nicht auf dem Stand der Technik sind und auch der demographische Wandel viele Betriebe vor erhebliche Herausforderungen stellt – zumal auch das Lohnniveau ansteigen wird. Entsprechend kann kaum davon ausgegangen werden, dass es damit getan wäre, dass man höhere Tierwohlstandards anstrebt. Es wird einen erheblichen Strukturwandel geben. 
Die Politik kann den Anpassungsprozess durch eine Investitionsförderung teilweise unterstützen. Ich würde aber davor warnen, Planungssicherheit durch dauerhafte staatliche Zahlungen für höhere Tierwohlstandards zu erwarten. Zum einen wären diese kaum gegenüber Tierhaltern in den Nachbarländern zu rechtfertigen. Zum anderen würden diese Zahlungen wohl sehr schnell in die am Markt erzielbaren Erlöse eingepreist, wenn nämlich der Handel sich nicht darum kümmern muss, den versprochenen und erforderlichen Umfang an Tierwohlprodukten zu bekommen, sondern sich tierhaltende Betriebe die Förderung schön rechnen und erwarten, dass damit schon alles gut werden wird. Die einzige Planungssicherheit ist die unvermeidliche Unsicherheit in Entscheidungen einzupreisen und nicht länger mit Abschreibungszeiträumen von Jahrzehnten zu rechnen. 

Von welcher Art „Unternehmertyp“ muss ein Landwirt, eine Landwirtin sein, wenn sie im Spannungsfeld zwischen Prämienoptimierung und klassischer Prozessoptimierung zukünftig ihre Betriebe führen wollen?

Ich frage mich, ob das eigentliche Kernproblem der Landwirtschaft nicht darin besteht, dass allzu viele Landwirtinnen und Landwirte dazu neigen, sich ihre Betriebsübernahmen, ihre Investitionen, ihre Flächenpachten irgendwie schön zu rechnen, weil es ja weitergehen muss oder man seinen Arbeitsplatz sichern möchte. Als Unternehmer bzw. Unternehmerin sollte man sich jedoch eher fragen, ob man mit dem Betrieb etwas leisten kann, was sonst niemand kann. Wenn andere ihre Prämien, ihre Produktionsprozesse ebenso gut optimieren können, wozu wird man dann überhaupt gebraucht? Und wenn man nicht gebraucht wird, kann man keinen Erfolg haben. Unter Umständen wird man nicht einmal dann gebraucht, wenn man etwas besser kann als andere. Das ist dann der Fall, wenn viele unrentable Betriebe im eigenen Umfeld einfach weitergeführt werden, weil Fördermittel fließen, Steuervorteile locken oder sie keine Alternativen erkennen. In so einem Umfeld würde sich ein Unternehmertyp vermutlich anderweitig umsehen und echte Alternativen suchen, anstatt etwa zu überlegen, einen neuen Stall zu bauen oder wie man einen etwas höheren Pachtpreis als die Nachbarschaft bieten kann. 
 
Das IAMO in Halle befasst sich mit der Agrarentwicklung in Transformationsökonomien z.B. in Osteuropa? Welche Erkenntnisse lassen sich aus Ihrer Sicht auf den Markt in Deutschland übertragen?

2014 nach dem Sturz der vorherigen kleptokratischen Regierung in der Ukraine und den Konflikten mit Russland infolge der russischen Besetzung der Krim und des Krieges im Donbass kollabierte das ukrainische Finanzsystem und es halbierte sich der Wert der Währung. Zugleich waren die internationalen Agrarpreise nach den Boomjahren 2010 bis 2013 wieder drastisch gefallen. In dieser Krisensituation war klar, dass es kaum etwas zu verteilen gibt, was man nicht selbst erwirtschaftet. Entsprechend lohnte sich Korruption weit weniger und konnte nicht zuletzt durch Bürokratieabbau vermindert werden. Die dortige Landwirtschaft war nun darauf angewiesen, Gewinne zu erwirtschaften und das Augenmerk auf Rentabilität zu legen. Und genau das hat sie getan. Seit dieser Krisensituation sind die Erträge deutlich gestiegen, vor allem der Ackerbau wurde zum Treiber der ukrainischen Exportwirtschaft und die Unternehmen haben in die Digitalisierung investiert. Daraus kann man lernen, dass gerade Krisen und daraus resultierende Umbrüche neue Chancen eröffnen. Häufig sind sie Voraussetzung, um die alten Probleme zu überwinden.