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Transformation in der Landwirtschaft: Wie wir uns in Zukunft ernähren werden

Fünf Fragen an Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel

Die Landwirtschaft steht unter hohem Veränderungsdruck durch Politik und Gesellschaft. Wie kritisch ist dabei das Spannungsfeld zwischen Extensivierung der Produktion und Sicherung der Ernährung?

Es steht außer Frage, dass wir in den kommenden Jahren neue Wege gehen müssen. Die Ampel-Koalition weckt da durchaus hohe Erwartungen. Wir müssen ökologisch verantwortungsvoller und effizienter produzieren. Das schließt unbedingt auch den technologischen Fortschritt mit ein. Damit meine ich nicht nur positive Effizienzsignale aus dem Precision Farming, sondern auch Vertical Farming. Aber gerade in den Entwicklungsländern brauchen wir schnellstmöglich eine Modernisierung der Produktion. Diese Modernisierung - das ist kein Widerspruch! - muss auch dazu dienen, ökologischer zu produzieren und die Existenz der vielen kleinen Betriebe zu sichern.

Welche Mega-Trends in der Ernährung werden in Zukunft eine Rolle spielen? Und welche Rolle spielt noch die Landwirtschaft?

Wir sollten vor allem an Lebensstile anschließen, die wir als „Foodies“ begreifen. Der Begriff wurde im angelsächsischen Raum kultiviert und bezieht sich auf (junge) Menschen, die ihren eigenen Lebensstil ganz stark darüber definieren, was sie essen und wo das Essen herkommt. Wenn der Begriff nicht so unschön wäre, würde ich auch sagen: Wir müssen den Trend um die „Flexitarier“ stärken, Menschen, die sich bemühen, immer häufiger Fleisch wegzulassen, denn wir werden nicht von heute auf morgen ein Land von Vegetariern, aber wir brauchen aus Klimagründen alternative Eiweißquellen zum Fleisch. Eine Landwirtschaft, die sich als nachhaltig begreift, hat hier viele Fürsprecher auf ihrer Seite: mehr Bio, regionaler, mehr Aufmerksamkeit für kleine und mittelständische Unternehmen.

Demografie ist eine der Triebfedern gesellschaftlicher Veränderungen. Wie schnell werden sich die Rahmenbedingungen anpassen müssen?

Da es um die Einhegung des Klimawandels und um die Erhaltung der Biodiversität geht, muss uns in den kommenden Jahren die Entkopplung des Wachstums in der Landwirtschaft von immer mehr Ressourcen- und Energieverbrauch gehen. Beispielsweise die niederländische Landwirtschaft hat das bereits in den 00er Jahren geschafft und ist unter Entkopplungsbedingungen zum Weltmarktführer u.a. bei Gurken aufgestiegen. Wie ist das gelungen? Unter anderem durch hohe Flächenproduktivität mittels moderner Technik und einem engen Zusammenspiel von landwirtschaftlicher Praxis und nachhaltigkeitsorientierter Forschung. Das ist ein wichtiger Schritt, um 2050 rund 10 Mrd. Menschen auf der Erde ernähren zu können.

Welches Wissen und Können muss der erfolgreiche landwirtschaftliche Unternehmer bzw. Unternehmerin der Zukunft mitbringen?

Ein Wissen darum, dass wir angesichts planetarer Grenzen wirtschaften und dabei den Spagat zwischen regenerativen Maßnahmen und Vertrauen in modernste Technik hinkriegen müssen. Nur diese - auf den ersten Blick vielleicht widersprüchliche - Erkenntnis bringt uns in eine postfossile Wirtschaft und Gesellschaft.

Das Institut für Trend- und Zukunftsforschung befasst sich mit der Abschätzung von möglicher Zukunftsszenarien. Wie funktioniert dies genau?

Kurz gesagt: Wir können Zukunft nicht vorhersagen, sondern wollen eine menschliche Zukunft planbar machen. Dafür analysieren für in unserer Trendmatrix Veränderungsprozesse auf vier Ebenen. Megatrends, die die größten Veränderungstreiber der kommenden 30 bis 50 Jahre in Wirtschaft und Gesellschaft erstellen. Technologietrends und Gesellschaftstrends mit einer Halbwertzeit von zehn bis 20 Jahren. Und Konsum- resp. Lebensstiltrends, die sich alle fünf bis zehn Jahre grundlegend erneuern. Diese vier Ebenen von Zukunft kann man wissenschaftlich beobachten und erklären. Ergebnisse daraus stellen wir Wirtschaft und Gesellschaft, Unternehmen, Parteien und Institutionen zur Verfügung. Kürzer Veränderungsprozesse, beispielsweise Produkttrends, die zwei oder drei Jahre überstehen, lassen sich nicht wissenschaftlich analysieren und haben auch keine signifikanten Auswirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist Mode, Hype.