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Die Zukunft der Landwirtschaft – Was kann der Ökolandbau?

Beitrag von Prof. Dr. agr. habil. Gerold Rahmann, Thünen-Institut

Landwirtschaft ist dafür da, allen Menschen ausreichendes, gesundes und bezahlbares Essen zu produzieren. Das war früher so, ist heute so und wird auch in Zukunft so bleiben. Aber die Welt und damit die Landwirtschaft verändert sich, permanent und mit steigender Geschwindigkeit. Kann die Landwirtschaft überhaupt die steigende Weltbevölkerung, die veränderten Verbrauchererwartungen, die Multifunktionalität der Zukunft schaffen? Darüber gibt es viele Visionen, eine davon ist der Ökolandbau. Sicher ist, dass alle Landbausysteme einen Beitrag für die Herausforderungen der Zukunft leisten müssen und können. Der Ökolandbau eignet sich dabei vor allem in reichen und satten Gesellschaften wie Deutschland, neben der Lebensmittelproduktion auch der Multifunktionalität und Nachhaltigkeit nachzukommen. Wegen der ethischen und moralischen Vorgaben ist er nicht so leistungsfähig in der Lebensmittelproduktion wie intensive konventionelle Systeme. Aber selbst in wenig entwickelten, armen und deswegen vielfach hungrigen und mangelernährten Gesellschaften wie fast flächendeckend in Afrika können die Tricks und Kniffe (Wissen und Können) des Ökolandbaus helfen, von low-external input - low output Systemen zu low external input - medium output zu entwickeln. Dabei geht es nicht um zertifizierte exportorientierte, sondern funktionierende lokale Versorgungssysteme. Alleine das ist schon ein großer Schritt raus aus dem Hunger. 

Was heißt das konkret?

  • Durch weite und clevere Fruchtfolgen und Kreislaufwirtschaft die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu steigern mit den Zielen, Humus aufzubauen, Krankheiten zu reduzieren und Degradationen zu vermeiden.
  • Natürliche und lokale Betriebsmittel den künstlichen vorzuziehen und damit Kontaminationsrisiken für Lebensmittel, Wasser und Luft zu reduzieren.
  • Systemorientiert die Wertschöpfungskette zu optimieren ohne die Nachhaltigkeit zu reduzieren. 
  • Flächengebundene und tiergerecht(ere) Nutztierhaltung zu erreichen. 
  • Arbeitsplätze zu erhalten und schaffen und dabei genug Einkommen zu generieren im Vergleich zu konventionellen Strukturen.
  • Von der Produktion bis zum Konsum zu denken und zu handeln.

Ökolandbau ist ein auf Nachhaltigkeit fokussiertes und konzipiertes Lebensmittelsystem, das versucht, ökologische, soziale und ökonomische Aspekte in Gleichgewicht zu bringen. Die Standards des Ökolandbaus verzichten dabei bewusst auf einige Betriebsmittel, die im konventionellen erlaubt sind. Dies sind vor allem Pestizide und leicht lösliche mineralische Düngemittel in der Landwirtschaft. Das wird unabhängig kontrolliert und zertifiziert. Wenn auch nicht perfekt und fehlerfrei, so ist sie doch die am besten durchdeklinierte und kontrollierte Wertschöpfungs- und Lebensmittelkette auf der Welt. Unter diesen vor allem ethisch-moralischen Restriktionen ist der Ökolandbau weltweit erfolgreich. In 181 Ländern der Welt werden zusammen rund 70 Millionen Hektar von rund 3 Millionen Bauern ökologisch bewirtschaftet. Der Bio-Weltmarkt erreicht jährliche höhere Umsätze, die 2018 (letzte Zahlen) bei rund 100 Milliarden Euro lagen. 

Kritik wird geäußert, dass der Ökolandbau im Vergleich zur konventionellen Produktion zu viel Fläche benötigt, die immer knapper wird und die Welt nicht ernähren kann. Außerdem seien die Produkte zu teuer und nur für die reichen Menschen der Erde. Diese Kritik muss sehr ernst genommen werden, weil sie den Zielen des Ökolandbaus (privatrechtliche Prinzipien als auch gesetzliche Ziele) entgegen steht. Es ist unzweifelhaft, dass sich auch der Ökolandbau auf die neuen und sich verschärfenden Probleme der Menschheit einstellen muss. Dieses wurde mit dem Konzept von Organic 3.0 angegangen. Um genug, gesundes und bezahlbares Essen für alle Menschen zu produzieren, muss die Produktion effizienter werden (Fläche, Arbeitsaufwand, Kapital), Verschwendung muss reduziert werden (Energie-, Nährstoff- und Wasser-Ressourcen mehr schonen) und noch mehr für die natürlichen Lebensgrundlagen getan werden (Klima, Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit, Emissionen, Landschaft, Tierwohl, Lebensmittelqualität). Und letztlich muss die Produktion auch billiger werden. Die Rolle der Tierhaltung und der Verwurf von Lebensmitteln und das Konsumverhalten ist dabei die Herausforderung, nicht nur für den Ökolandbau. 

Entscheidend für den Erfolg einer nachhaltigen Versorgungaller Menschen mit ausreichend, gesundem und bezahlbarem Essen ist es, alle zielführenden Möglichkeiten und Lösungen für die Lebensmittelkette zu bewerten und sich an ihren Ergebnissen zu messen. Es ist dabei nicht wichtig, welche Marktanteile erzielt werden, sondern wie innovativ sie Probleme angehen und Lösungen aufzeigen. Ohne den Ökolandbau, und seinem Erfolg auf der ganzen Welt, wäre die Landwirtschaft heute ärmer an Inspiration und Kompetenz. Sie wäre sicherlich weniger nachhaltig und nicht so nahe an den Konsumenten. Das ist gelebte Demokratie: der Wettstreit um die besten Ideen und Köpfe. Da hat der Ökolandbau viel beigetragen und mehr Respekt und Wertschätzung verdient als er heute bekommt. Das bedeutet nicht, dass konventionelle Landwirtschaft schlecht(er) ist, aber einen Wettbewerber hat und auch braucht, der es eben anders macht, und das auch noch erfolgreich. Es sollte Ansporn sein. Ein gegeneinander sollte in ein miteinander streiten werden. Die Bauern selber sind da schon weiter als die Politik und Wissenschaft. 

Entscheidend ist der gegenseitige Respekt verschiedenster Lebensmittelsysteme und auch die Akzeptanz von Lösungen anderer, wenn sie denn besser sind. Dabei gibt es eigentlich keine Zeit mehr zu verlieren, die Welt braucht Handlungen und nicht noch zu viele Gutachten und Gerede. Hier kann eine praxisnahe Wissenschaft eine essentielle Brücke sein: raus aus den Laboren, rauf auf die Betriebe. 

Im Vortrag werden zentrale Probleme der Welternährung im Kontext anderer Herausforderungen angesprochen, und darauf aufbauend die Lösungsansätze als auch die Herausforderungen und die Änderungsbedürftigkeit des Ökolandbaus dekliniert. Sie sollen zu Nachdenken und Diskutieren anregen.

Zur Person

Prof. Dr. agr. habil. Gerold Rahmann ist Leiter des Instituts für Ökologischen Landbau des Johann Heinrich von Thünen-Instituts.